[This document has been prepared by Ian Johnston of Vancouver Island University and placed online in April 2017. It is in the public domain. For an English translation please use the following link: Castle Wetterstein.]

 

 

Frank Wedekind

Schloß Wetterstein
Schauspiel in drei Akten

Georg Müller Verlag München
1920

 

 

Kurt Martens
dem Dichter von “Caritas Mimi”
gewidmet.

 

 

Das Schauspiel “Schloß Wetterstein” enthält meine Anschauungen über die inneren Notwendigkeiten, auf denen Ehe und Familie beruhen. Das Stoffliche, die Geschehnisse, der Gang der Handlung sind dabei vollkommen Nebensache. In ihrer Abenteuerlichkeit waren sie durch die weiten Grenzen und die Bewegungsfreiheit bedingt, die ich nötig hatte, um meinen Anschauungen Platz zu schaffen. Wichtiger waren mir dramatische Steigerungen und Bühnenwirksamkeit. Über diese Eigenschaften oder deren Mangel ersuche ich den Kritiker in aller gebührenden Ehrerbietung, sich so lange kein Urteil bilden zu wollen, bis sich ein solches auf stattgefundene Aufführungen gründen kann. Zensurverbote dieses Schauspiels werden mich nicht überraschen, da sie nur eine logisch bedingte Begleiterscheinung der notorischen Gleichgültigkeit und Stumpfheit sind, die unser gesamtes öffentliches Leben Kennzeichnen.

 

 

PERSONEN

Rüdiger, Freiherr von Wetterstein
Leonore von Gystrow
Effie, ihre Tochter
Meinrad Luckner
Karl Salzmann
Professor Dr. Scharlach
Waldemar Uhlhorst
Matthais Taubert
Schigabet
Heiri Wipf
Chagnaral Tschamper aus Atakama
Van Zeeter, Hoteldirektor
Duvoisin, Polizeikommissär
Ein Zimmermädchen
Ein Kellner
Zwei Gendarmen

 

ERSTER AKT

ERSTER AUFTRITT

 

[Leonore, 32 Jahre alt, liegt auf der Ottomane und schläft. Sie erwacht, gähnt und reibt sich die Augen. Sie richtet sich auf.]

LEONORE

Was lese ich denn da für einen Roman? — — “Europäisches Sklavenleben” — — [aufrecht auf dem Diwan sitzend]: Und wieder hat mir von ihm getraümt. — — So bald ich meinen Tee getrunken habe, werde ich mir darüber keine unnötigen Gedanken mehr machen. — [Sie steht auf und klingelt.] — Ich werde dann wieder ganz genau wissen, wie ich mich zu meinem Traumleben zu stellen habe.

 

EIN ZIMMERMÄDCHEN [tritt ein]

Frau Major haben geklingelt?

 

LEONORE

Den Tee.

 

[Das Zimmermädchen geht ab]

 

LEONORE

Mir scheint, weiß Gott, er kann auch jetzt noch ohne mich nicht auskommen.

 

EFFIE [fünfzehn Jahre alt, tritt ein]

Du hast Tee bestellt, Mutter. Hast du gut geschlafen?

 

LEONORE

Wer sagt dir, daß ich geschlafen habe?

 

EFFIE

Ich wollte dich nicht verletzen. Die meisten Menschen schlafen am Nachmittag. — Sag mir, liebe Mutter, würdest du mir nicht erlauben, nächsten Sonntag mit Gertrud Rickenbach ins Theater zu gehen?

 

LEONORE

Du redest, mein Kind, als wäre ich dir völlig fremd.

 

EFFIE

Wohl möglich. — Für mich ist es in den nächsten Jahren doch wohl auch das wichtigste, daß ich mir selbst nicht fremd bin.

 

LEONORE

Ich verstehe nicht, wie du das meinst.

 

EFFIE

Etwas wichtigeres gibt es jetzt doch jedenfalls nicht für mich, als daß ich mich gut verheirate.

 

LEONORE

Selbstverständlich, mein Kind. Das kann dir doch hoffentlich auch nicht schwer fallen.

 

EFFIE

Sei nur ganz außer Gorge, Mutter. Ich denke ja Tag und Nacht an nichts anderes. — Da ist der Tee.

 

[Das Zimmermädchen bringt den Tee herein und geht ab.]

 

LEONORE [die Tasse füllend]

Für eine Frau kommt es immer nur darauf an, daß se sich durch die Ehe nicht herabwürdigen läßt. Eine Frau, die sich in ihrer Ehe unglücklich fühlt, ist immer nur selbst daran schuld.

 

EFFIE

Warum willst du mir denn nicht erlauben, am Sonntag ins Theater zu gehen?

 

LEONORE

Ich bin sprachlos, Effie. Hast du denn deinen Vater schon ganz vergessen?

 

EFFIE

Der Vater wird uns dadurch nicht zurückgegeben, daß ich am Sonntag nicht ins Theater gehe.

 

LEONORE

Es handelt sich bei diesem unglaublichen Unsinn aber viel mehr um dich als um deinen Vater. Die Mensche achten dich unter keinen Umständen höher, als wie du deinen Vater ehrst. Was bist du denn Besseres, als das Kind deines Vaters?

 

EFFIE

Zur Häfte. — Zur anderen Häfte bin ich doch das Kind meiner Mutter.

 

LEONORE

Damit lockst du keinen Hund hinter dem Ofen hervor.

 

EFFIE

Ich glaube, aufrichtig gesagt, nicht, daß ich an Selbstüberschätzung oder an Eitelkeit leide. Aber wenn ich überhaupt etwas bin, dann bin ich durch dich, liebe Mutter, doch auf jeden Fall wenigstens eines, nämlich eine gute Partie.

 

LEONORE

Das kommt für uns Frauen einzig and allein als Reklame in Betracht. Eine besonnene Frau wird lieber kalten Blutes die Verschleuderung ihres ganzen Vermögens mit ansehen, bevor sie ihr Vermögen einmal als ihren persönlichen Vorzug geltend macht.

 

EFFIE [munter]

Um so notwendiger ist es dann aber doch für uns, liebe Mutter, daß wir unsere weiblichen Vorzüge und Fähigkeiten möglichst früh vervollkommen.

 

LEONORE

Darin bin ich durchaus deiner Meinung. Wir Frauen können unsere weiblichen Vorzüge gar nicht hoch genug einschätzen.

 

EFFIE

Warum soll ich dann also nächsten Sonntag nicht ins Theater gehen?

 

LEONORE

Wie kannst du mich so etwas überhaupt fragen?! — Wir sind doch in Trauer!

 

EFFIE

Bald seit anderthalb Jahren!

 

LEONORE

Ganz davon abgesehen, daß du im Theater von irgend jemandem gesehen werden könntest — solange du meine Tochter bist, dulde ich es einfach nicht, daß du dich so leichtherzig über den Tod deines Vaters hinweg setzt!

 

EFFIE [nach einer Pause]

Du weißt doch, Mutter, daß Gertrud von Rickenbach selbst zum Theater geht.

 

LEONORE

Ich hörte davon. Für die ist es das Beste, was sie tun kann. Ihr Vater bringt alles durch, und das Benehmen ihrer Mutter schließt ihre standesgemäße Verheiratung rundweg aus.

 

EFFIE

Wenn ich es mir nun aber auch in den Kopf setzte, all unsere Standesrücksichten mit einem energischen Ruck abzuschütteln, mich überhaupt auf keine Heirat in unferen Kreisen zu verbeißen und kurzweg zum Theater zu gehen?

 

LEONORE [einfach und leise]

So leid es mir tut, Effie, aber denn bist du eben nicht mehr mein Kind.

 

EFFIE

Du bist natürlich von vornherein davon überzeugt, daß ich nicht das geringste Talent zur Schauspielerin habe?

 

LEONORE

Warum nicht gar! Das ist vollkommener Unsinn. Erstens sind wir Frauen von Natur geborene Schauspielerinnen, weil eine Frau mit Aufrichtigkeit keinen Mann glücklich macht. Und zweitens bist du aus einem adligen Haus. In deinem Fleisch und Blut hast du schon weitaus das meiste von dem mitbekommen, was die armen Würmer, die sich am Theater ernähren, als ihre Schauspielkunst anstaunen lassen. — Aber das eine sage ich dir, Effie: Wer sich öffentlich für Geld sehen läßt, der gehört nicht zur Gesellschaft. Ich will durchaus nicht bestreiten, daß es auch am Theater Frauen geben kann, die sich nichts zuschulden kommen lassen. Aber ich weiß von unseren Herren, daß das Ausnahmen sind. Auf dem Theater wird aber aus Geschäftsrücksichten immer alles absichtlich so hingestellt, als ob sämtliche Zuschauer ebenso ehrlos und verworfen wären wie das Schauspielervolk.

 

EFFIE

Ich habe mir überhaupt von jeher gedacht, daß das Theaterspielen für die Schauspieler ein viel größeres Vergnügen sein muß, als für die Zuschauer.

 

LEONORE

Das ist ja gerade das Würdelose. Das Theaterspielen ist ein Beruf, bei dem man sich für sein eigenes Vergnügen bezahlen läßt. Das tut kein anständiger Mensch.

 

EFFIE

Tut denn das aber eine Frau nicht auch, wenn sie sich verheiratet?

 

LEONORE

Ich verstehe nicht, wie du das meinst.

 

EFFIE

Ich meine, daß sie sich dabei für ihr eigenes Vergnügen bezahlen läßt.

 

LEONORE

Von wem läßt sie sich denn bezahlen?

 

EFFIE

Von ihrem Mann natürlich. — Von wem denn sonst!

 

LEONORE

Gott bewahre! Was fällt dir ein. In der Ehe läßt sich die Frau so wenig für ihr Vergnügen bezahlen, wie sich der Mann dafür bezahlen läßt. Beide tun umsonst, was sie für einander tun.

 

EFFIE

Eigentümlich! — Ich hatte mir das immer ganz anders vorgestellt.

 

LEONORE

Offenbar verwechselst du da zwei Beschäftigungen, die gar nichts miteinander zu tun haben. — In meinem elterlichen Hause in Hamburg verkehrten auch Schauspieler. Das ist richtig. Aber sie waren eben zugelassen. Sie waren geduldet. Dafür hatten sie natürlich für die nötige Unterhaltung zu sorgen. Aber man ließ sie nicht näher an sich herankommen, als wie es gesellschaftlich unumgänglich nötig war. — Was für ein Stück wird denn am Sonntag ausgeführt?

 

EFFIE

“Die Wildente.”

 

LEONORE

Kenne ich nicht. Ich habe nie davon gehört.

 

EFFIE

Von Ibsen.

 

LEONORE

Du allmächtiger Himmel! Ist das nicht der Kamtschadale, der Ehe und Familie in den Schmutz zieht und jeden anständigen Menschen für verrückt erklärt?

 

EFFIE

Du ahnst ja gar nicht, liebe Mutter, wie ungebildet du bist! — Ibsen ist Mode!

 

LEONORE

Ist das Tatsache!?

 

EFFIE

Der Hof geht ja ins Theater, wenn Ibsen gespielt wird. Daß du Ibsen nicht magst, kommt einzig und allein davon her, daß ihn Vater immer so abfällig kritisierte. Ich habe aber die feste Überzeugung, daß Vater heute auch anders über ihn reden würde.

 

LEONORE

So? Bist du dessen sicher?

 

EFFIE

Vater würde heute sagen: Ibsen? — Donnerwetter! — Kolossal feiner Kerl!

 

LEONORE

Nun sag’ mir einmal, Effie, worüber schreibt er denn eigentlich?! — Kannst du mir das mit wenigen Worten klar machen?

 

EFFIE

Er schreibt ungefähr immer über das, was wir selber erlebt haben.

 

LEONORE

Was er erlebt hat?

 

EFFIE

Was wir erlebt haben! — Wir! — Du und ich, die wir hier sitzen!

 

LEONORE

Woher weiß er denn das?

 

EFFIE

Ich habe es ihm, weiß Gott im Himmel, nicht erzählt!

 

LEONORE

Dann kann er aber doch das Familienleben nicht in den Schmutz ziehen?

 

EFFIE [vorsichtig]

Vater ist dir doch auch untreu gewesen . . .

 

LEONORE [erhebt sich empört]

Kind, was unterstehst du dich! Was ist das für eine Art!

 

EFFIE [lächelnd]

Was unterstehe ich mich denn, liebe Mutter! Ich unterstehe mich, deine Frage so anständig zu beantworten, wie es einem jungen Mädchen nur irgend möglich ist.

 

LEONORE

Schweig, sage ich dir! So spricht kein junges Mädchen, wie du eben gesprochen hast!

 

EFFIE [mit liebenswürdigem Lächeln]

Daß ich ein junges Mädchen bin, liebe Mutter, das darf ich von niemandem in Zweifel ziehen lassen, wenn mich ein Mann aus unseren Kreisen heiraten soll. Am allerwenigsten von dir, denn jeder sagt sich natürlich, daß du doch jedenfalls am besten über mich Bescheid weißt. Tatsächlich bin ich ja auch ein junges Mädchen. Oder hat dir irgend jemand etwas anderes von mir erzählt?

 

LEONORE

Nein. Soweit ich unterrichtet bin, erzählt man sich keine Geschichten über dich.

 

EFFIE

Ich bilde mir ja, weiß Gott im Himmel, nichts darauf ein. Aber es gibt jetzt für mich doch gar keine wichtigere Lebensaufgabe als die, ein junges Mädchen zu sein. Deshalb habe ich wohl auch ein gewisses Recht, mich meiner Haut zu wehren.

 

LEONORE

Um so mehr Ursache hast du jedenfalls, das Andenken deines Vaters hochzuhalten und deinen Vater nicht im Grabe noch zu beschimpfen.

 

EFFIE [lächelnd]

Glaubst du wirklich, Mutter, daß das ein so entsetzlicher Schimpf für ihn ist?

 

LEONORE

Du bist unmenschlich! — Ich beschwöre dich, Effie, in meinem Leben sprich mir nicht mehr von diesem Unheil! Dein Vater lebte seit dem Tage unserer Verheiratung als Ehrenmann. — Das war mein Stolz, mein Alles! — oder — oder —

 

EFFIE

Oder?

 

LEONORE

Aber das läßt sich ja mit menschlichem Verstand gar nicht begreifen! — oder er müßte mich vom ersten Tage unserer Bekanntschaft an hintergangen haben! — Nein! Nein! Nein! — Ich habe ihm verziehen, weil ich ihn durch und durch kannte. — Und weil ich mich selber kannte. — Dieses Vertrauen, das ich in ihn und in mich setzte, lasse ich mir nachträglich von keiner Macht im Himmel und auf Erden rauben!

 

ESSIE [erhebt sich, umarmt und küßt Leonore]

Du bist so wunderbar schön, Mutter, wenn du dich Vaters wegen aufregst. Meine ganze Liebe, die ich für dich fühle, bringt mich nicht dazu, dich um Verzeihung zu bitten!

 

LEONORE [das Taschentuch vor den Augen]

Du hast mir unsagbar weh getan — mit deiner grauenhaften Herzlosigkeit!

 

ESSIE

Sei mir nicht mehr böse, Mutter. Im Pensionat in Lausanne bei Madame Duplan hat man uns kein Sterbenswort darüber erzählt, auf welchen Gebieten die Frauen Holzklötze und auf welchen sie Mimosen sind. Sei getrost, Mutter, ich lerne es schon noch.

 

LEONORE

Laß mich allein, mein Kind. — Ich fühle mich wie ein Fisch auf trockenem Sande. — Von allen Seiten stürzen die Gefühle auf mich ein.\

\

EFFIE

Darf ich dir die Hand küssen, Mutter?

 

LEONORE

Küsse mich auf den Mund!

 

[Effie küßt ihre Mutter flüchtig auf den Mund]

 

LEONORE [fahrt zurück]

Kind!

 

EFFIE

Was hast du, Mutter?

 

LEONORE

Du mußt dich möglichst bald verheiraten.

 

EFFIE [munter]

Das bringe ich tadellos fertig. Sei vergnügt, Mutter. Du erlebst vielleicht noch ein Wunder an mir! [Ab.]

 

LEONORE [aufatmend]

Gott sei Dank! — Ich weiß, ich bin gereizt gegen sie. [Sie nimmt das aufgeschlagene buch vom Diwan.] “Europäisches Sklavenleben.” Wer schreibt denn das? [Sie schlägt den Titel auf.] Hackländer! — Nächstens lese ich doch vielleicht lieber Ibsen. Der versteht sich hoffentlich auf Traumdeutungen! [Sie legt sich auf den Diwan und liest; da es klopft.] Herein!

 

 

ZWEITER AUFTRITT

 

[Das Zimmermädchen tritt lautlos mit einem silbernen Teller ein und überbringt eine Karte.]

 

LEONORE [liest die Karte]

Doktor Thilo von Chrysander — Hofprediger a. D. — Konsistorialrat” — [Zum Zimmermädchen] Einen Augenblick! [Sie setzt sich vor den Spiegel und ordnet sorgfältig ihr Haar; sich erhebend] Ich lasse bitten.

 

[Das Zimmermädchen ab. Rüdiger, 27 Jahre alt, in elegantem Gesellschaftsanzug, tritt rasch ein. Da Leonore die Fassung zu verlieren droht.]

 

RÜDIGER

Trauen Sie ruhig ihren Augen. Ich bin kein Doppelgänger von mir. Ich bin es selbst. Keine Ohnmacht! Nicht wahr?! Bestätigen Sie mir gleich meine felsenfestes Vertrauen in Ihre unüberwindliche Seelenstärke!

 

LEONORE [mit allen Kräften nach Fassung ringend]

Gott — mein Gott — wie überlebe ich das!

 

RÜDIGER

Sie weisen mich also nicht hinaus?! — [Da ihn Leonore regungslos anstarrt] Bedenken Sie sich’s! Sie weisen mich nicht hinaus?

 

LEONORE

Mir — mir fehlt die Sprache . . .

 

RÜDIGER

Ein Wort kostet es Sie! — [Da Leonore nicht antwortet] Mein Dank dafür ist ohne Grenzen — wie Ihre Großmut. — [Sehr vorsichtig] Jetzt ersuche ich Sie, mir einen Augenblick Gehör zu schenken.

 

LEONORE [sammelnd]

Sie befinden sich — natürlich — in irgendeiner — Notlage. Sie bedürfen meiner — Hilfe . . .

 

RÜDIGER

In hohem Maße. Ja.

 

LEONORE

Sprechen Sie.

 

RÜDIGER

Wollen Sie sich nicht setzen?

 

LEONORE

Das wird nicht notwendig sein.

 

RÜDIGER

Gewiß. Wir setzen uns früh genug.

 

LEONORE

Zur Sache, bitte.

 

RÜDIGER

Ich komme, wie Sie mich sehen, von der Festung. Sie wissen, daß ich mit sechs Monaten bestraft wurde. Wenn das Kriegsgericht keine leere Formalität wäre, hätte ich zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt werden müssen.

 

LEONORE

Was soll mir das?! — Mir?! — Sie, der Mörder meines Gatten, Sie vermessen sich . . . Sie fürchten wohl, meine Verzweiflung könnte vielleicht nicht herzzerreißend genug gewesen sein?!

 

RÜDIGER

Ich fürchte etwas Ernsteres. Ich fürchte, daß Sie dem Hingeschiedenen unrecht tun.

 

LEONORE

Sie, der ihn ermordet hat, fürchten, daß ich, sein armes Weib, ihm unrecht tue?! — Glauben Sie nicht, daß ich Ihren unmenschlichen Hohn noch eine Sekunde ertrage!

 

RÜDIGER

Wenn Ihnen das Andenken Ihres Gatten teuer ist, und das bezeugt mir Ihre unwillkürliche Empörung, dann werden Sie mir aus tiefstem Herzen für meine unerhörte Kühnheit danken.

 

LEONORE

Ihnen danken?! Ich?! Sagt Ihnen das roheste Gefühl denn nicht, welch — welch ein Ungeheuer ich in Ihnen vor Augen sehe?! Ich habe meinen Gatten geliebt! Sie wissen wohl nicht, was das heißt. Ich kann unmöglich vergessen, was ich an Sorglosigkeit, an Kraft, an Geduld für Opfer gebracht habe. Nicht daß ich mich beklage! Gott bewahre, Was war ich denn, bis er endlich das Weib aus mir geschaffen hatte, das seiner Liebe würdig war! Da fand ich mein Glück in seinem Glück. Was ihm gefiel, dafür war ich entflammt. Was ihn schmerzte, hätte ich ohne Bedenken vom Erdboden getilgt. Und ich liebte mit solcher Glut, ich haßte mit solcher Unversöhnlichkeit, daß ich mir als das heldenmütigste Weib erschien, das jemals leben durfte. Und nun sagt der Mensch, der ihn gemordet hat, daß ich dem Hingeschiedenen unrecht tue!

 

RÜDIGER

Allerdings tun Sie dem Major unrecht, wenn Sie nicht Höheres in ihm verehren, als Vorzüge, die jede Frau an ihrem Mann finden muß, wenn Sie sich nicht nach einem anderen umsehen soll.

 

LEONORE

Wie wagen Sie das von mir zu behaupten?! — Glauben Sie etwa, ich hätte mit einem Alltagsmenschen vorlieb genommen?! Mich begehrten weiß Gott Männer genug! Aber wenn ich zurückdenke, in Vergleich mit ihm, du barmherziger Gott, was war das für Dutzendware! Sein Herz war von einer Unergründlichkeit, von der ich vorher nie etwas geahnt hatte, von der der gewöhnliche Mann gar keine Vorstellung hat. Und seine Vornehmheit! Seine unerschöpfliche Großmut mir gegenüber! Dabei war er, solange er lebte, auf jedem Gebiete der Tüchtigste. Der beste Reiter! Der bestrickendste Gesellschafter! Sprach man vom Dienst,von Feldzügen, nie habe ich erlebt, daß ihm gegenüber irgend jemand mit seiner Ansicht recht behielt.

 

RÜDIGER

In Gegenwart seiner Gattin verstand sich das wohl von selbst!

 

LEONORE

Mir schreiben Sie dieses Verdienst zu?! — Dadurch beweisen Sie nur, daß Sie nichts von der Größe des Menschen ahnten, den Sie hinmordeten!

 

RÜDIGER

Jetzt liefern Sie den Beweis, daß Sie ihm unrecht tun.

 

LEONORE [nachdem sie sich von ihrer Verblüffung erholt]

Sie zeigen eine beispiellose Anmaßung.

 

RÜDIGER

Soll ich es dem Major Gystrow etwa zur besonderen Ehre anrechnen, daß er von seiner eigenen Gattin für den herrlichsten Mann gehalten wurde, der je gelebt hat?

 

LEONORE

Ihre Rede erscheint mir die eines Geisteskranken.

 

RÜDIGER

Ich kann darin keine höhere Einschätzung erblicken, als wenn er es Ihnen zur besonderen Tugend hätte anrechnen wollen, daß er von keiner Frau inniger geliebt wurde, als von Ihnen.

 

LEONORE [starr vor Verwunderung]

Was können Sie von einer verheirateten Frau denn schöneres sagen, als daß sie ihren Gatten über alles liebt?

 

RÜDIGER

Das ist nichts als Naturgeschichte. Ich könnte aber zum Beispiel von ihr sagen, daß sie die verkörperte Jugendfrische ist. Daß sie einen hellen Kopf hat, dem, wenn sie sich frei enwickeln kann, nichts anderes heilig ist, als die sonnenklare unerbittliche Vernunft. Ich könnte von ihr sagen, daß ihre Auffassungskraft mit einer Behendigkeit arbeitet, die sich sogar bei Männern nur ausnahmsweise findet. Dann kann ich aber vor allem von ihr sagen, daß eine so sturmgewaltige Leidenschaft in ihr gefesselt liegt, daß sie von Kindheit auf nur mit heiligen Schauern von dem Augenblick träumte, in dem sie ihr lächerlich kleines Ich mit seinen häuslichen Jämmerlichkeiten einmal abgrundtief unter sich versinken sieht.

 

LEONORE

Und durch solch unheilvollen Teufelskram wollen Sie sich von der verschrobenen Person ins Garn locken lassen?! — Sie, ein Mann, der Ansprüche erheben darf?! — Alles, was Sie an diesem Ausbund bewunderungswürdig finden, das können sie gar nicht rücksichtslos genug bekämpfen, wenn Ihr Leben nicht eine Hölle werden soll! Die Ehe ist außer unserer Geburt und unserem Tod das Unerbittlichste, dem wir Menschenkinder verfallen sind. Wenn Sie sich für einen Ausnahmemenschen halten, dann werden Sie in Ihrer Ehe dafür auch ganz außergewöhnliche Zerwürfnisse und Entwürdigungen zu kosten bekommen.

 

RÜDIGER [lachelnd]

Sie glauben gar nicht, wie komisch mir Ihre Befürchtungen klingen. Wenn ich mich entwürdigt fühle, dann brauche ich doch nur den Rücken zu kehren. Dann finde ich die höchste Würdigung, die ich mir wünschen kann. — Übrigens vergaß ich ganz, Ihnen einen der schönsten Charakterzüge meiner Erwählten zu nennen.

 

LEONORE

Dann sagen Sie ihn! Worauf warten Sie denn?!

 

RÜDIGER

Die Frau, die ich verehre, geht für den Mann, den sie liebt, in den Tod.

 

LEONORE

Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, dann hüten Sie sich vor der Frau! Eine Frau, die für ihren Mann in den Tod geht, die jagt ihm auch, sobald sie sich von ihm beleidigt fühlt, eine Kugel durch die Brust!

 

RÜDIGER

Warum haben Sie denn dann den Major nicht erschossen?!

 

LEONORE

Warum ich meinen Mann nicht erschossen habe?! — Das können Sie fragen?!

 

RÜDIGER

Beleidigt hat er Sie doch!

 

LEONORE

Weil ich ihn liebte! Wer tut einem Menschen, den er liebt, das geringste Leid an?! Aber wenn ich ihn auch zehnmal hätte töten wollen: er war kalt, starr, als ich die Nachricht von seiner Verfehlung erhielt! Dazu hatten Sie ihn zu früh in heimtückischer Weise vor Ihre furchtbare Mordwaffe gezwungen.

 

RÜDIGER

Ich mußte zur Ehre des Herrn Majors voraussetzen, daß die Kugel eines Soldaten mindestens ebenso tödlich trifft, wie die eines — Reservisten.

 

LEONORE [auffahrend]

Spotten Sie hier seines Schicksals nicht noch! Ich, die Hüterin seines Andenkens, verbitte mir das! Ein Mann wie Sie durfte niemanden auf Pistolen fordern! Sie, von dem ruchbar wurde, daß Sie mit Ihrer Fertigkeit im Pistolenschießen schon in öffenlichen Schaustellungen Ihren Lebensunterhalt verdient hatten!

 

RÜDIGER

Der Augenblick ist mir zu heilig, um mir zur Verteidigung gegen Zeitungsverdächtigungen zu dienen. Hätte sich das Gerücht, von dem Sie sprechen, bestätigt, dann wäre ich nicht zu Festung, sondern zu Gefängnis, vielleicht auch zu Zuchthaus verurteilt worden. — Übrigens wissen Sie so gut wie ich, daß mir keinerlei Wahl frei stand. Hätte ich den Major nicht gefordert, dann wäre ich heute ein Mensch ohne Ehre.

 

LEONORE

Was kümmert mich Ihre Ehre!

 

RÜDIGER

Aber mich kümmert sie! Ich hätte dann zum Beispiel gar keine Möglichkeit, Ihnen überhaupt unter die Augen zu treten.

 

LEONORE

Keine Möglichkeit — mir . . . Woher Sie dazu die geringste Berechtigung nehmen, das ist mir trotz allem noch unfaßbar.

 

RÜDIGER

Wir sind Leidensgefährten! Ich habe doch durch Ihren Gatten mein Weib verloren.

 

LEONORE

Ihre Frau meinen Sie?! — Zu dem Verlust beglückwünsche ich Sie! Ihre Frau hat sich meinem Mann vor die Füße geworfen wie ein Stück Wild, das bei keiner menschlichen Seele mehr Gnade findet! Am Abend des Wintertages, an dem mein Mann beerdigt wurde, fand ich Briefe von Ihrer Frau, in denen sie sich “Deine Leibeigene” unterzeichnet. — Was haben Sie an einer Frau zu betrauern, die einen Mann wie Sie der Lächerlichkeit preisgibt, um dadurch das Glück einer anderen zu vernichten, die ihr nie in ihrem Leben das geringste zuleide getan hat?!

 

RÜDIGER

Seit vier Wochen bin ich gerichtlich von ihr geschieden. Meine beiden Kinder wurden natürlich mir zugesprochen. Ich habe sie jetzt der Mutter meiner Frau zur Erziehung übergeben.

 

LEONORE

Und was wird nun aus ihr?

 

RÜDIGER

Aus wem?

 

LEONORE

Aus dem unseligsten Geschöpf auf Gottes Erden! Wie grauenvoll muß es im Innern dieses armen Wesens jetzt aussehen! Alles, auch das letzte kümmerlichste Glück verspielt! Aber solche Wechselbälge verdienen gar nichts besseres, als zugrunde zu gehen. Das Leben wäre eine selige Wonne ohne Grenzen, wenn diese trostlosen Unheilstifter nicht von unten her ihr Gift verbreiteten!

 

RÜDIGER

Meine geschiedene Frau war nicht so verworfen. Aus sinnloser Leichtfertigkeit gab sie sich nicht hin. Sie ließ sich durch ihren unseligen Trotz hinreißen. Sie glaubte von mir hintergangen zu sein, weil man mich ihr fälschlicherweise verdächtigt hatte.

 

LEONORE

Sie hatte man ihr verdächtigt? Was heißt das?

 

RÜDIGER

Man hat ihr anonyme Briefe geschrieben, in denen man ihr mitteilte, daß ich an den Abenden, die ich mit meinen Freunden verbrachte, zu einer Tänzerin vom Olympiatheater gehe.

 

LEONORE

Und auf dieses Gaukelspiel hin soll sich mein Mann von der Person als Lückenbüßer haben einfangen lassen?! Als Lückenbüßer, ja! — Das wagen Sie mir gegenüber auszusprechen?!

 

RÜDIGER

So sehr ich es bedauere, gnädige Frau, aber Sie tun dem Major immer noch unrecht.

 

LEONORE

Wollen Sie etwa behaupten, daß er auf die Verzweiflung Ihrer Frau hätte warten müssen, wenn ihm jemals die Luft gekommen wäre, sich die Zeit mit anderen Frauen zu vertreiben?!

 

RÜDIGER

Der Major konnte zeitlebens jede Frau haben, die ihm gefiel. Selbstverständlich! Als Ihr Gatte hätte er aber überall nur die jämmerlichsten Enttäuschungen erfahren. Was ihn an meiner damaligen Frau interessierte, war die Ähnlichkeit, die sein Herzensjammer mit ihrem Herzensjammer hatte. Er suchte Trost.

 

LEONORE

Wofür denn Trost, wenn er sich bei mir so glücklich fühlte?!

 

RÜDIGER

Man hat Sie ihm verdächtigt.

 

LEONORE

Mich?!

 

RÜDIGER

Man hat ihm Briefe geschrieben, in denen unwiderleglich bewiesen wurde, daß Sie ihn hintergehen.

 

LEONORE

Ich?! Daß ich ihn . . . ?! — Allmächtiger Himmel! Und das glaubte er?!

 

RÜDIGER

Er war ein ehrlicher Mann. Er überschätzte seine Vorzüge nicht.

 

LEONORE [aufschreiend]

Nein, nein! Das ist nicht möglich! Nicht einen Augenblick kann er an mir gezweifelt haben!

 

RÜDIGER

Gezweifelt hat er bis zur Verzweiflung.

 

LEONORE

Das kann er nicht getan haben! Das geht wider die Vernunft! Nein, nein! Das lass’ ich mir jetzt, wo er selbst nicht mehr sprechen kann, von keinem lebenden Menschen einreden!

 

RÜDIGER

Die Vernunft ist derjenige Kamerad, der im Ernstfalle immer zuerst Reißaus nimmt. Hätte er den Verdächtigungen kaltherzig geglaubt, dann hätte er sie ebenso kaltherzig geprüft. Dann hätte er auf dem einfachsten Wege erkannt, daß die Verdächtigungen falsch waren. Aber seine Liebe zu Ihnen machte es ihm ganz unmöglich, den Verdächtigungen nur einen Augenblick Glauben zu schenken. Ihm blieb nur der ungeheuere Schmerz, sein Lebenglück zertrümmert zu sehen.

 

LEONORE

Aber bin ich denn ein Holzklotz?! Ich lebte in dem letzten Wochen vor dem Silvestermorgen ahnungslos glücklich an seiner Seite. Wie sollte ich von seinem Argwohn, von seiner Verwirrung, von all der grauenvollen Qual nicht das leiseste Anzeichen gespürt haben?

 

RÜDIGER

Dazu war er Soldat. Er beherrschte sich. Das leiseste Anzeichen seiner Qual hätte zu Auseinandersetzungen mit Ihnen geführt, zu denen ihm der nötige Mut fehlte. Derweil trieb ihn die martervolle Verstellung im eigenen Hause in das Haus meiner damaligen Frau, bei der er das offenherzigste Verständnis fand.

 

LEONORE [die Hände ringend]

Also doch! Also doch! — Das ist eine Grässlichkeit, wie noch keine geschehen ist! Er konnte keine Minute glauben, daß ich — daß ich ihm das allergeringste Leid antue! — Und mit diesem Bild vor der Seele ging er in den Kampf, stand er dem Tode gegenüber! Das läßt sich nicht ausdenken, wie himmelschreiend seine Verzweiflung war! Mit einem Fluch auf mich griff er zur Waffe, stürzte mit einem Fluch auf mich in die Knie! Dann ist er nicht einmal ermordet worden! Dann hatte er den Tod gesucht! Und ich bein seine Mörderin! Was in aller Welt hatte man ihm denn von mir gesagt?!

 

RÜDIGER

Woher soll ich das wissen?

 

LEONORE [schreiend]

Sie wissen es! Ich sehe es Ihnen an! Reden Sie!

 

RÜDIGER

Sie können das jetzt nicht hören.

 

LEONORE

Habe ich denn nicht das Gräßlichste schon gehört?! Wollen Sie mich jetzt in diesem Zustand auch noch auf die Folter spannen?! Was hat man ihm von mir gesagt?!

 

RÜDIGER

Es ist zu albern, als daß Sie es in diesem ernsten Augenblick hören können.

 

LEONORE

Sie wissen es also?!

 

RÜDIGER

Ja.

 

LEONORE

Allmächtiger Gott, woher wissen Sie denn all das Entsetzliche?!

 

RÜDIGER

Aus den Sitzungen des Militärgerichtes, die hinter verschlossenen Türen stattfanden. Ihnen wurden diese unerfreulichen Tatsachen natürlich mit außergewöhnlicher Sorgfalt verheimlicht.

 

LEONORE

Dann war das Gericht eine unehrliche Spiegelfechterei! — Warum hat man mich nicht gerufen?!

 

RÜDIGER

Ihre Schuldlosigkeit stand vollständig außer Zweifel.

 

LEONORE

Aber hat sich denn durch die Verhandlungen nicht herausgestellt, wer die Briefe geschrieben hat, durch die zwei ahnungslose Familien ins Verderben gestürzt wurden?!

 

RÜDIGER

Nein, das hat sich nicht endecken lassen. Aber ich bin hierhergekommen, um es Ihnen zu sagen.

 

LEONORE [ahnungsvoll]

Schweigen Sie! Ich beschwöre Sie beim allmächtigen Gott: Sprechen Sie nicht weiter! Ich habe nicht Kraft genug, das Grauenvolle zu hören!

 

RÜDIGER

Ich habe die Briefe geschrieben!

 

LEONORE [aufschreiend]

Nein, nein, das ist nicht wahr!

 

RÜDIGER

Scheine ich Ihnen dessen nicht fähig?!

 

LEONORE [ihn groß anstarrend]

Doch! — Sie konnten das tun!

 

RÜDIGER

Und jetzt bitte ich Sie, meine Frau zu werden.

 

LEONORE

Das — sah ich — kommen.

 

RÜDIGER

Ich sehe seit vollen fünf Jahren Tag für Tag, Nacht für Nacht kein anderes Ziel in meinem Innern. Als ich Sie vor fünf Jahren kennen lernte, hatte ich auf den ersten Blick die unerschütterliche Überzeugung, eine Natur von Ihrer Seelenglut, von Ihrer Seelengröße in diesem Leben night zum zweitenmal zu finden. Einen Sieg hat mir dieser Tag nun schon gebracht, die Bestätigung meiner Überzeugung. Sie sind in Wirklichkeit die Frau, um die ich seit fünf Jahren kämpfe. Jetzt scheue ich die Verantwortung meiner Handlungen nicht mehr. Die Opfer sind nicht umsonst gefallen.

 

LEONORE

Verlassen Sie mein Haus.

 

RÜDIGER

Wozu das jetzt noch? Sie unterschätzen die Bedeutung des Augenblickes. Sie unterschätzen die Gewalt, die Sie in Händen haben. Ein Wort von Ihnen genügt, um mich ins Zuchthaus zu bringen.

 

LEONORE

Ist das auch wahr?! — Schwören Sie, ist das wahr?! — Suchen Sie mit dieser Vorspiegelung nicht vielleicht nur mein Vertrauen zu erschleichen?!

 

RÜDIGER

Ob es wahr ist, ob es nicht wahr ist, Ihre Pflicht steht jetzt jedenfalls unzweifelhaft fest. Als Gattin des Getöteten haben Sie die unerläßliche heilige Pflicht, alles, was Sie erfahren haben, öffentlich auszusprechen.

 

LEONORE

Und dann?

 

RÜDIGER

Dann trage ich mein Los. Warum nicht?!

 

LEONORE [mit außerster Anstrengung]

Gehen Sie! Gehen Sie? Ich kenne Sie nicht! Ich habe kein Wort von dem, was Sie sagen, verstanden! Wollen Sie, daß ich um Hilfe rufe?!

 

RÜDIGER

Der Ton is nicht echt. — Warum drücken Sie nicht einfach auf die Klingel?

 

LEONORE

Es ist mir ohnehin unfaßlich, daß sich auf unser Geschrei hin niemand rührt.

 

RÜDIGER

Sie haben nur die Wahl zwischen der Erfüllung Ihrer heiligsten Pflicht: mich anzuzeigen — und dem Entschluß, meine Frau zu werden. Bitte, enscheiden Sie sich.

 

LEONORE

Ihre Worte sind nichts als die ungeheuerlichste Großsprecherei! Ich bin nicht durch Schreckbilder einzuschüchtern! Ich sehe nicht den geringsten zwingended Grund für mich, zwischen zwei Höllenfeuern zu wählen.

 

RÜDIGER

Ich versichere Ihnen, es steht Ihnen kein dritter Ausweg frei! So stark Sie auch sind, mein Geheimnis bewahren Sie nicht. Sie deuten an, Ihre Frau Schwägerin oder sonst jemand brennt vor Neugier. Man läßt Ihnen keine Ruhe. Sie fühlen sich um eine Höllenlast erleichtert, und ich — ich habe eine Albernheit zu bedauern.

 

LEONORE

Sie haben recht! Sie haben vollkommen recht! Das Ungeheuerliche verschweigt kein Mensch!

 

RÜDIGER

Niemand außer meiner Gattin! — Meine Mitschuldige sind Sie seit fünf Jahren.

 

LEONORE

Ich hoffe immer and immer noch, daß es Ihnen mit Ihrer Selbstverleumdung auf irgendeine Erpressung ankommt!

 

RÜDIGER

Auf die größte, der Sie gewachsen sind!

 

LEONORE

Dann nennen Sie doch um Gottes willen endlich einmal eine bestimmte Summe!

 

RÜDIGER

Sie wissen, daß ich Sie zur Frau begehre!

 

LEONORE

Ja! Ja! Natürlich begehren Sie mich? Damit die Geldsumme möglichst beträchtlich ausfällt! Ich will mich von Ihnen loskaufen. Ich biete Ihnen — fünfzigtausend Mark!

 

RÜDIGER

Das ist zu wenig.

 

LEONORE

Fünfundfünfzigtausend . . .

 

RÜDIGER

Das sind leere Worte.

 

LEONORE

Ich habe mehr als das.

 

RÜDIGER

Sie können unmöglich den zehnten Teil Ihres ganzen Vermögens herschenken.

 

LEONORE

Worauf gehen Sie denn aus?

 

RÜDIGER

Darauf, daß Sie meine Frau werden.

 

LEONORE

Den Mörder meines Gatten soll ich heiraten?

 

RÜDIGER

Den Mann, der bis jetzt die größten Opfer für Sie gebracht hat.

 

LEONORE

Das gäbe eine Folterkammer von Ehe!

 

RÜDIGER

Es gibt keine Folerkammer von Ehe. Man liebt sich oder man trennt sich! Die meisten gesunden Menschen werden glückliche Paare. Warum sollen wir keine glückliches Paar werden? Die Ehe ist kein Fessel, außer für die Geisteskrüppel, die sie dafür halten. Wenn ich meine Frau nicht vergöttern kann, dann soll sie mir gestohlen werden.

 

LEONORE

Allmächtiger Himmel! Die Ritterlichkeit eines Pferdehändlers! Und auf dieses Geständnis hin soll ich Ihnen angehören?!

 

RÜDIGER

Sie sollen nicht mir gehören! Sie gehören sich selbst! Die Ehe ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Ehe! Ihr Glück, Ihre freie Entwicklung, das sind die heiligsten Ziele unseres Zusammenlebens.

 

LEONORE

Das ist mir allerdings ein neues Ziel! Ein überraschendes Ziel! — Aber Sie! Wem gehören denn Sie! Gehören Sie denn nicht mir?!

 

RÜDIGER

Jedenfalls in weit höherem Maße, als Sie mir gehören. Haben Sie das schon vergessen?

 

LEONORE

Wenn das nur auch wahr ist! — Das frage ich mich immer und immer. Brüsten Sie sich nicht mit Schandtaten, die von anderen verübt wurden?!

 

RÜDIGER

Jetzt brauchen Sie mich nur noch zu fragen, ob ich Sie nicht vielleicht Ihres Vermögens wegen zum Weib haben will!

 

LEONORE [rasch]

Gott bewahre mich davor! Nein, nein, ich will Sie nicht kränken! Das liegt mir völlig fern. — Aber wenn sich nach unserer Hochzeit herausstellt, daß Sie nichts anderes als ein betrogener Ehemann waren . . . ?

 

RÜDIGER

Gestatten gnädige Frau, daß ich meiner Wege gehe?

 

LEONORE

Sie haben vergessen, wohin Sie gehen!

 

RÜDIGER

Was geht Sie das an?!

 

LEONORE

Bleiben Sie hier!

 

RÜDIGER

Nur gegen Handgeld!

 

LEONORE

Was heißt das?

 

RÜDIGER

Gegen ein sicheres Unterpfand.

 

LEONORE

Was verlangen Sie denn?

 

RÜDIGER

Wenn ich erst verlangen muß, dann habe ich hier nicht viel zu gewinnen.

 

LEONORE

Greifen Sie doch nur zu!

 

RÜDIGER [wendet sich zur Tür]

Ich nötige mich nicht auf!

 

LEONORE [fliegt ihm an den Hals]

Hier bin ich! Hier bin ich!

 

RÜDIGER [küßt sie]

Den Siegespreis fünfjährigen Ringens halt ich im Arm!

 

LEONORE

Fürchtest du denn das Weib nicht, das sich vom Mörder seines Gatten küssen läßt?!

 

RÜDIGER [lächelnd]

Bin ich vielleicht weniger zu fürchten als du? — Wir sind einander gewachsen. Wir haben nichts voreinander voraus.

 

LEONORE

— Wenn dir nun eine Frau in den Weg kommt, an der du alle Reize und Vorzüge findest, die du je an Frauen geschätzt hast, betrügst du mich dann nicht mit ihr?

 

RÜDIGER

Nein, mein Kind. Solche Tölpeleien hast du von mir nicht zu gewärtigen.

 

LEONORE

Wieso Tölpeleien? Wenn ich meinen ersten Mann danach fragte, dann zuckte er die Achseln und gab mir zu verstehen, daß er im Grunde genommen jeden Augenblick dazu bereit wäre. Ich dankte dann immer im stillen dem Himmel, daß es in Wirklichkeit noch nicht dazu gekommen war. Ich lege weiß Gott auch jetzt noch meine Hand dafür ins Feuer, daß die Entgleisung, die er mit seinem Leben büßte, während unserer Ehe seine erste und einzige Entgleisung war.

 

RÜDIGER

Davon bin ich felsenfest überzeugt.

 

LEONORE

Und du sagst mir nach unserem ersten Kuß, Auge in Auge mit einer Unbefangenheit, mit der man nur von geschichtlichen Tatsachen spricht, daß du mich nie betrügen wirst?!

 

RÜDIGER

Wenn ich meine Frau betrüge, dann habe ich eine Frau, die sich betrügen läßt. Über dies Ergebnis hilft kein Witz hinweg. Läßt meine Frau sich von mir betrügen, mit dem sie ihr Glück zu verrechnen hat, dann wird sie unweigerlich von der ganzen übrigen Welt gleichfalls betrogen werden. Dann betrügt sie jedes Marktweib, das ihr ein Rebhuhn verkauft. Und wer bekommt das Rebhuhn vorgesetzt? Wer würgt das Rebhuhn hinunter? Wer bezahlt das Rebhuhn?

 

LEONORE

Ausgezeichnet! Kannst du mir auch sagen, was sich aus dieser Folgerung ergibt, wenn man sie umkehrt? — Wenn ich dich betrüge . . . ?

 

RÜDIGER

Karbatsche wie Peitsche! — Wenn du mich betrügst, dann hast du auf jeden Fall einem Mann geheiratet, der sich betrügen läßt. Noch dazu von einem Weib. Das lassen sich meine Geschäftsfreunde nicht zweimal sagen. Sie nehmen sich ein leuchtendes Beispsiel an dir. In kürzester Zeit bin ich um mein letztes Hemd betrogen und du hast, wenn du nicht betteln gehen willst, alle Ursache, dich möglist rasch nach einem anderen Lebensgefährten umzusehen.

 

LEONORE [in die Hände klatschend]

Bravo! Du bist der erste Mensch auf Gottes Welt, von dem ich ein menschenwürdiges Wort übere diese halsbrecherischen Dinge höre! [Ihn küssend]. Du bist in allen Sätteln gerecht! — In unseren Kreisen hört man über diese Fragen enweder nur Zoten oder nur Bibelsprüche.

 

RÜDIGER

Die menschlichen Gefühle reden eine infernalische Gaunersprache. Wer ihrem Kauderwelsch traut, der ist verkauft und verraten.

 

LEONORE

Bist du denn wirklich der Ansicht, daß die Frau ebensoviel Recht zur Untreue hat wie der Mann?

 

RÜDIGER

Der Ansicht bin ich durchaus nicht. Ich glaube nur, daß die Frau ebensoviel Recht zur Untreue hat, wie die Geliebte ihres Mannes. Selbstverständlich hat der Mann ein unvergleichlich größeres Recht auf Untreue als die Frau! Das steht unumstößlich fest! Auf keinen Fall hat er aber doch wohl ein größeres Recht auf Untreue als der Geliebte seiner Frau.

 

LEONORE

Das ist eine bewunderungswürdige Offenbarung! Ich hätte nie in meinem Leben gedacht, daß die Welt so leichtverständlich eingerichtet ist! — Woher hast du denn all diese Weisheiten?

 

RÜDIGER

Aus meiner Erfahrung. Ich habe noch immer gefunden, daß beiderseitige offenherzig begangene Untreue zum vergnügtesten, behaglichsten Auseinandergehen führt. Nur verliert jeder dabei natürlich den ganzen Ertrag seines bisherigen Aufwandes. Ein Loch reißt man auf, um das andere zuzustopfen.

 

LEONORE

Wie meinst du das?

 

RÜDIGER

Eine Bürde schüttelt man ab, um sich eine andere aufzubürden.

 

LEONORE

Ach so!

 

RÜDIGER

Was dachtest du denn?

 

LEONORE

Ich glaubte, du meinest es persönlich.

 

RÜDIGER

Du kannst meine Worte auffassen, wie es dir gefällt. Die Hauptsache ist, daß sie wahr bleiben!

 

LEONORE [umarmt und küßt ihn]

Herrlich! Herrlich! Herrlich! — Wer so sprechen kann, dem ist alles erlaubt, dem wird alles verziehen!

 

RÜDIGER

Sei mein!

 

LEONORE

Nimm mich! [Anhaltendes Lauten auf dem Vorplatz.] Was ist das? — Wer lautet so unverschämt?!

 

RÜDIGER

Sind wir denn ganz allein in der Wohnung?

 

LEONORE [lächelnd]

Der Major!

 

RÜDIGER

Ich sag’s ja, du tust ihm unrecht.

 

LEONORE

Ich? — Wieso denn?

 

RÜDIGER

Gönnen wir ihm seine Ruh’.

 

LEONORE [horchend]

Mir scheint, das Mädchen öffnet schon.

 

RÜDIGER

Er hat uns doch schließlich nichts zuleid getan.

 

LEONORE

Ich fühle mich hier plötzlich so fremd, als wäre das ganze Haus aus den Fugen gegangen.

 

 

DRITTER AUFTRITT

 

[Effie in Hut und Jacke tritt rasch ein and fliegt ihrer Mutter um den Hals.]

 

EFFIE

Mutter, Mutter, ich habe mich verlobt!

 

LEONORE

Du auch?! Aber du bist ja noch viel zu jung dazu!

 

EFFIE

Du sagtest mir doch, ich müßte mich so rasch wie möglich . . . [Rüdiger bemerkend]: Allmächtiger! Ein Phantom! Am Tage meiner Verlobung!

 

LEONORE [Rüdiger vorstelllend]

Rüdiger von Wetterstein, mein Bräutigam.

 

RÜDIGER

Sie haben nicht die geringste Ursache, mein gnädiges Fräulein, vor mir zurückzuschaudern. Bis Sie sich verheiratet haben, bleibt die Verlobung zwishen Ihrer Mutter und mir selbstverständlich geheim.

 

EFFIE

Mutter, Mutter?! — Ich weiß nicht — lebe ich noch! — oder träume ich?

 

LEONORE

So empfindet jedes Mädchen mit fünfzehn Jahren.

 

EFFIE

Ist das wahr, Mutter?

 

RÜDIGER

Da Sie selbst verlobt sind, hätten Sie sich ja doch bald von Ihrer Mutter getrennt.

 

LEONORE

Mit wem hast du dich denn verlobt?

 

EFFIE

Ich bringe es nicht über die Lippen . . .

 

RÜDIGER

Seien Sie überzeugt, mein gnädiges Fräulein, daß ich den Tod Ihres Vaters so innig bedauere, als hätte ich menen Vater in ihm getötet. Aber wollen Sie, mein gnädiges Fräulein, nachdem Ihnen Ihr Vater verloren ging, nun auch Ihre Mutter verlieren? Wenn Ihrer Mutter der Mann nicht gefällt, den Sie sich in diesem Augenblicke gewählt haben, schicken Sie den Mann deshalb seiner Wege?! Können Sie von Ihrer Mutter erwarten, daß sie Ihnen zuliebe den Mann, den sie sich wählte, seiner Wege schickt?!

 

EFFIE [küßt ihrer Mutter die Hand]

Ich wünsche dir Glück, liebe Mutter. Ich begreife dich. Du kannst nicht anders. Dir muß er gefallen.

 

LEONORE

Und du, mein Kind?

 

EFFIE [aufjubelnd]

Der schönste Mann der Welt!

 

RÜDIGER

Natürlich, das ließ sich denken! Dann ist er außerdem auch einer der reichsten.

 

LEONORE [zu Effie]

Wirklich? Graf D’Armont?

 

EFFIE

Ich traf ihn unten in der Platanenallee. Ich fragte ihn ob er denn wirklich daran glaube, daß der Papst zur Thronbesteigung des Kronprinzen nach Berlin komme. Darauf sagte er: Ich kann mir ein Leben ohne Sie unmöglich mehr erträglich vorstellen. Ich sagte ihm ganz aufrichtig, mir sei es schließlich bis zu einem gewissen Grade vollständig gleichgültig, wer mich heiratet. Ich könne nur nicht dafür bürgen, daß ich mich überhaupt besonders gut für die Ehe eigne. Darauf fragte er mich, ob er uns besuchen darf. — Auf Ihre Verantwortung! sagte ich. Wenn er bis morgan mittag nicht kommt, dann trägt nur die alte Gräfin die Schuld, die von mir behauptet, ich sei ein leichtes Tuch.

 

RÜDIGER

Ich kenne den Hausarzt. Der muß sie für einige Wochen fortschaffen.

 

EFFIE

Wie soll er das anfangen?

 

RÜDIGER

Er redet ihr ein, sie sei herzleidend. Dann zieht sie sich in ein Sanatorium zurück.

 

EFFIE

Sie sind in allen Sätteln gerecht.

 

LEONORE

Effie!

 

EFFIE

Nun, Mutter? Ich habe die Redensart so oft von dir gehört.

 

LEONORE

Sei mir deshalb nicht böse, mein Kind. Aber ich muß dich um etwas mehr Ehrerbietung bitten.

 

EFFIE [sie küssend]

Du hast recht, Mutter. Es geht natürlich nicht so einfach, aber ich will versuchen, “Vater” zu sagen. Wir Frauen müssen zusammenhalten.

 

RÜDIGER

Unsere Gefühlsleben besteht aus der Überschätzung menschlicher Beziehungen. — Jeder Mensch ist ersetzlich.


 

ZWEITER AKT

 

SZENERIE

 

[Reich und geschmackvoll eingerichtets Zimmer im Hotel Beaurivage, in Ouchy am Gensersee. Im Hintergrund eine offene Balkontür mit dem Ausblick auf das Wasser. Es ist Abend, die Lampen brennen.]

 

 

ERSTER AUFTRITT

 

LUCKNER [umhergehend]

Ihr sauberer Gatte, Rüdiger, Freiherr von Wetterstein, hat mir im Laufe des verflossenen Jahres Diamanten im Werte von zwei Millionen veruntreut. Gottverfluchtes Orchestrion! [Er bricht in dröhnendes Lachen aus.] Heiliges Kanonenfutter, hätte der Pavian die Diamanten noch wenigstens irgendwo in die Erde vergraben! Allen Winkelkrämern beider Hemisphären jagt er die Steine wie faule Bananen in den Rachen.

 

LEONORE

Sie reizen mich wirklich. Aber grade in entgegengesetzer Art, als wie Sie sich das einbilden. Hoffen Sie nur ja nicht, Rüdiger und mich schon als Ihre Schlachtopfer betrachten zu können.

 

LUCKNER

Allmächtiger Panamakanal! [Er lacht.] Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir! Mich kostet das Vergnügen zwei glatte Millionen. Gewaltiger Brahmaputra! [Er lacht.] Hat Ihnen Wetterstein nie unser unbezahlbares Lateinschülerlied vorgeträllert?

 

Ach, die Maid, zu Tod erschrocken,
Konnte nicht mehr aufrecht hocken,
Hielt sich fest an ihrem Stuhl,
Daß sie nicht hinuntereful . . .

 

LEONORE

Gott im Himmel sei Dank! Das Untier ist wenigstens schon vollständig betrunken!

 

LUCKNER

Ich und betrunken?! [Er lacht.] So unbekannt bin ich Ihnen? Nein, mein himmlisches Opfertier! Und wenn mein Vater tausendmal die großartigste Aktienbrauerei in der ganzen Rheinpfalz ins Leben gerufen hat! Aber seit frühester Jugend habe ich mit unseren stärksten Brauknechten volle Bierfässer um die Wette behoben. Alles Muskelfleisch am ganzen Leib wird dadurch zu kugelfesten Panzerplatten.

 

LEONORE

Rüdiger hat keinen Begriff von dem, was um ihn her vorging. Rüdiger ahnt heute noch nicht im geringsten, mit welchem Weltungeheuer er es in Ihnen zu tun hat.

 

LUCKNER

Eiwei, eiwei! Gleich, als wir das erstemal zusammen in den Minen waren, ich und Sie and er, damals in Afrika, da hätte ich dem Burschen schon Ihre gesamten Aktien durch ein Augenzwinkern abdrangsalieren können. Aber Sie standen an seiner Seite, Sie staunten an ihm empor wie eine Schildkröte an einer Telegraphenstange. Da sagte ich mir: Solche Prachtexemplare von Weibern fängt man nur durch die Männer, die von ihnen geliebt werden. Und er glotzte mich an wie ein vollgefressener Kapitalist, der einen Zeitungsjungen wegschickt. Himmel! Himmel! Himmel! Da sagte ich mir: Nein, Rüdiger von Wetterstein, so klanglos scheiden wir beide nicht voneinander. Diese Frau, sagte ich mir, die wird alle hundert Jahre nur einmal geboren. Wer die nicht nimmt, wo er sie findet, und sei es um zwei Millionen . . .

 

LEONORE

Wollen Sie denn nicht vielleicht einen Augenblick vernünftig mit sich sprechen lassen?

 

LUCKNER [lachend]

Ich bin nämlich ein Mensch, wissen Sie . . . ich bin tatsächlich ein eigentümlicher Mensch! Ein außergewöhnlicher Mensch. Fassen Sie unter anderem bitte nur einmal meinen Kopf an. Posemuckel und Sumatra! Haben Sie in Ihrem Leben auf irgendeinem Menschenleib schon solch einen Knorren gesehen?

 

LEONORE

Wenn Rüdiger, wie es sein gutes Recht ist, Mitbesitzer unserer Minen in Jagersfontein bleibt, dann kann er Ihnen im Lauf der nächsten fünf Jahre sämtliche Steine bis auf den winzigsten Diamanten zurückerstatten.

 

LUCKNER [bricht in dröhnendes Lachen aus]

Genau wie mit meinem Kopf, sehen Sie! Das ist nämlich meine schwächste Stelle. Eine weltbekannte historische Tatsache, von sämtlichen Boxern und Ringkämpfern des Erdballes gewürdigt. Matrosen, Schlächtergehilfen, denen Polizei und Vorsehung so Wurst sind, wie unsereinem eine Gemäldegalerie, wenn wir miteinander ringen, die kommen meinem Kopf nicht mit dem kleinsten Finger nahe. Hier oben, sehen Sie, wo meine Locken am krausesten sind, da kann man mich mit einem Kochlöffel zur Leiche machen, aber sonst, gottbegnadete Hagelkanone . . . Aber Sie erst! Brummfidel, Pestilenz und Weltuntergang! Ihre unermeßlichen smaragdgrünen Tigeraugen! Jetzt lassen Sie sie nur aus Bosheit nicht leuchten. Und dann Ihre Haare! Heiliger Höllenhund! Wie einem da gleich der Herzbengel kracht! — O du gottseliger Bimbam! Im Traume sah ich Sie als glühende Knonenkugel auftauchen, zischend und fauchend, daß ich nach allen Himmelsrichtungen auseinanderspritzte. Und Ihre Hand! Ihre Hand! Höllischer Schwefelpfuhl, Ihre Hand! — Aber dann erst Ihr Gang, blutrünstiges Gewitter! Deshalb, meine Gnädigste, war ich von Jugend auf ein so zuverlässiger Pferdekenner. Ich musterte das Pferd genau mit den Augen, mit denen ich mir meine Geliebte wähle. Der verborgenste Fehler starrt mich in millionenfacher Vergrösserung an! Überhaupt die Millionen! Wären ich und Wetterstein nicht auf Diamantenwäscherei gegangen, ich hätte ebenso viele Millionen als amerikanischer Luxuspferdehändler verdient.

 

LEONORE [immer noch im Sessel, die Hände ringend]

Heiliger Gott im Himmel, heiliger Gott, zeig mir, wie ich diesem scheußlichen Ungeheuer meinen grauenvollen Abscheu zum Bewußtsein bringe!

 

LUCKNER [mit wildem Lachen]

Ei du geknickte Lilie! Glauben Sie Grasaffe, ich erwarte Liebe von Ihnen?! Gebenedeite Gebirgsartillerie! Ihre Liebe sparen Sie nur bitte ruhig für Ihren Zuckerjungen. Allmächtiges Schlaraffenland! Nichts Fürchterlicheres für mich, als wenn ich einer Frau persönlich sympathisch bin. Was gehen denn die Frau meine Privatangelegenheiten an.

 

LEONORE

Jedenfalls jage ich mir vorher eine Kugel durch den Kopf.

 

LUCKNER

Dann beeilen Sie sich bitte! Ihr Mann, dieses dreißigkarätiger Rhinozeros, hat es dringend nötig, endlich einmal in energische Hände zu kommen. Fünf Jahre Weltabgeschiedenheit sind für den eine Wiedergeburt. Sobald er auf Numero Sicher sitzt, beginnt seine neue Glanzzeit. In sechs Monaten ist er erster Sekretär und rechte Hand des Direktors . . . [Aufhorchend] Gottseliges Weltparlament, das sind seine Schritte!

 

 

ZWEITER AUFTRITT

 

[Rüdiger von Wetterstein tritt rasch ein.]

 

RÜDIGER [sobald er Luckner erblickt]

Was tun Sie hier?

 

LUCKNER

Wir zünden uns eine Zigarette an, wenn Sie nichts dagegen haben. [Er tut es.]

 

RÜDIGER

Wollen Sie machen, daß Sie hier hinauskommen!

 

[Er fährt him an die Gurgel und will ihn zur Tür hinauswerfen. Sie ringen.]

 

LUCKNER [schleudert Rüdiger in einen Klubsessel und zündet sich eine andere Zigarette an]

Wenn Sie Diamantenwascheib wenigstens solche Beine hätten, wie wir Arme haben! Himmel Tod und Schiedsgericht! [Er lacht.] Sie hatten den heidenmäßigen Koller, die Dynastie Wetterstein zu etablieren. Hamurabi, Cäsar, Bonaparte, Wetterstein! Sie Nonpareil-Esel, Sie Similinapoleon, Sie Rindvieh vom ersten Wasser, Sie wollten der fünfte Mensch des Erdballs sein: Rockefeller, Morgan, Krupp, Carnegie und Wetterstein! [Er lacht.]

 

RÜDIGER [im Klubsessel]

Es ist mir unmöglich, über irgendeinen Gedanken nachzudenken. Lassen Sie mir bis morgen Zeit.

 

LUCKNER

Nicht um Chikago! Und wenn es Jauche regnet! Wir warten zwei Jahre lang! — In einer halben Stunde sind wir quitt. Das ist ja gerade so unsagbar göttlich eingerichtet: Sträubt sich das Weib, dann wächst beim Mann die Kraft ins Übermenschliche. Je verzweifelter der Widerstand, um so kunstgerechter räumt ihn der Mann aus dem Weg. Sträubt sich aber der Mann, — gesegnete Mahlzeit!

 

LEONORE [tritt Luckner fest enschlossen dicht unter die Augen]

Fürchten Sie denn nicht, daß ich Sie mit diesen beiden Händen erdroßle?

 

LUCKNER

Nicht im geringsten! Wir warten in unserem Salon. Wir bleiben bis zehn Uhr im Hotel. [Ab.]

 

 

DRITTER AUFTRITT

 

RÜDIGER [sich erhebend]

Ich lasse dich allein, Leonore. Luckner hat die Polizei benachrichtigt. Ich will nicht, daß mich mein Geschick hier in deiner Gegenwart erreicht.

 

LEONORE

Dann gehe ich mit dir.

 

RÜDIGER

Dann hat mein Fortgehen keinen Sinn. Dann ist es für uns beide ebensogut, wir bleiben hier.

 

LEONORE

Willst du deinem Leben ein Ende machen!

 

RÜDIGER

Nein. — Ich willte wohl. Ich weiß aber genau, daß ich keine Kraft habe.

 

LEONORE

Ist es nicht das einzig richtige, wir schaffen uns beide aus der Welt?

 

RÜDIGER

Warum? — Wenn ich nicht mehr da bin, dann kann dir kein Mensch etwas anhaben.

 

LEONORE

Wenn du nicht mehr da bist? — Was habe ich dann davon, daß mir niemand etwas anhaben kann?

 

RÜDIGER

Du warst glücklich, ehe du mich kanntest. Das Glück findest du wieder.

 

LEONORE

Das sind Worte, an die du selbst nicht glauben kannst. Was Glück heißt, weiß ich erst, seit wir uns kennen.

 

RÜDIGER

Schlimm genug für dich. Ich lebe mit mir selbst in Unfrieden. In meiner Eltern Haus war ich ein unglückliches Kind, in meiner ersten Ehe ein unglücklicher Mann. Dich machte ich namenlos unglücklich, als ich dein Glück zerstörte. Und seit wir zusammenleben, fühle ich mich nicht um ein Haar glücklicher als vorher.

 

LEONORE [vor Schmerz aufschreiend]

Oh! Oh! Das jetzt zu hören!

 

RÜDIGER

Verzeih, verzeih. — Ich bin eben von Geburt kein einheitlicher Mensch. Seit meiner Kindheit kämpfen zwei feindliche Rassen einen mörderischen Vernichtungskampf in mir.

 

LEONORE

Du siehst dein ganzes Leben jetzt ebenso düster an, wie du in glücklichen Zeiten immer gleich alles im leuchtendsten Sonnenlicht erblicktest.

 

RÜDIGER

Wenn nur wenigstens wir zwei nicht aneinandergekettet wären!

 

LEONORE

Wodurch sind wir denn aneinandergekettet?! Wodurch denn?!

 

RÜDIGER

Wodurch?! Wodurch?! Ja! Ja! Ja! Das frage ich mich auch immer!

 

LEONORE [nach einer Pause, stöhnend]

Ich glaube, Rüdiger, ich weiß, wodurch wir beide aneinandergeschmiedet sind.

 

RÜDIGER

Durch die Verbrechen, die wir zusammen begingen: Dadurch, daß ich deinen Mann mit meiner Frau zusammenhetzte, daß ich daraus die Berechtigung entnahm, meiner Frau den Laufpaß zu geben, daß ich uns dann von deinem Mann durch ein betrügerisches Duell befreite, daß wir beide uns später heirateten, und daß wir uns dann ein Leben schaffen wollten dessen Herrlichkeit die ungeheuren Opfer rechtfertigen sollte, mit denen es erkauft war.

 

LEONORE

Das ist kränkliche Gefühlsverweichlichung, nichtiger Aberglaube. Das sind Schreckbilder, von denen du gar nichts wüßtest, wenn wir im Glück lebten.

 

RÜDIGER [stöhnend]

Dann nenn mir doch die fürchterliche Fessel, die uns nicht voneinander loskommen läßt!

 

LEONORE

Das ist höchst einfach. Immer wenn du unsere Trennung wolltest, dann tat ich alles, was in meiner Macht stand, um sie zu verhindern. Und wenn ich unsere Trennung wollte, dann tatest du alles, was du konntest, damit wir beieinander blieben.

 

RÜDIGER

Aber warum denn?! Sag mir, warum taten wir das?! Warum waren wir immer so unvernünftig?!

 

LEONORE

Das weiß ich so wenig wie du. Eins weiß ich aber: Jetzt hilft es nichts, dies Rätsel zu erforschen.

 

RÜDIGER

Leider! Leider sagten wir uns das jedesmal, so oft das Unglück unsere Vernunft lahm legte.

 

LEONORE

Leider sagst du? Ich sage: Gott sei Dank! — Du antwortest nicht? — Du kämpfst mit dir?! Rüdiger — Wir haben nicht mehr viel Zeit. Wollen wir nicht rasch ein Ende machen?

 

RÜDIGER

Leicht gesagt.

 

LEONORE [schnell]

Es ist rasch geschehen!

 

RÜDIGER

Hier, bitte. [Er legt einen Revolver auf den Tisch.] Nun weiter!

 

LEONORE

Weißt du nicht weiter? [Nach der Waffe langend] Ich weiß es!

 

RÜDIGER [fällt ihr in den Arm und hält ihre Hand zurück]

Leonore! Um Gottes willen!

 

LEONORE

Wir stellten beide zu hohe Ansprüche an dieWelt, wenn uns jetzt der nötige Mut fehlt!

 

RÜDIGER [krampfhaft]

Ich liebe dich!

 

LEONORE

Zum erstenmal höre ich das verdächtige Wort von dir.

 

RÜDIGER

Wie denkst du dir denn das, wenn wir mit uns beiden ein Ende machen?

 

LEONORE

Denken kann ich das nicht. Es ist vorbei. — Vom ersten Tag unserer Verheiratung an gehörten wir nicht mehr zur guten Gesellschaft.

 

RÜDIGER

Das war ein unverhoffter Schlag für uns. Die gute Gesellschaft ist die Gesellschaft, in der man gute Geschäfte macht.

 

LEONORE

Du setzest deine ganze Persönlichkeit daran, der grossen Welt anzugehören.

 

RÜDIGER

Der Vorwurf kommt spat!

 

LEONORE [flehentlich]

Kein Vorwurf! Nein Rüdiger! Wie käme ich dazu!

 

RÜDIGER

Die große Welt is die Welt, in der man die großen Geschäfte macht.

 

LEONORE

Unser nacktes Leben wird bis jetzt noch von niemandem bedroht.

 

RÜDIGER

Nur von uns selbst.

 

LEONORE

Aber warum denn auch?!

 

RÜDIGER

Warum? Ist dir das nicht klar? — Weil unsere Menschenwürde bedroht wird!

 

LEONORE

Menschenwürde! Unsinn! Ist es vielleicht eines Menschen würdig, fünf Jahre seines Lebens unter Henkersknechtschaft zu verbringen?

 

RÜDIGER

Unter Henkersknechtschaft? Mir bürdest du also die ganze Verantwortung auf?!

 

LEONORE

Wie kommst du auf den heillosen Argwohn? Hattest du denn je ein Geheimnis vor mir!

 

RÜDIGER

Du wußtest immer genau so gut wie ich, was ich tat. — Jesus Christus erfand seinerzeit die geeignete Weltanschauung für das Heer von Ausgestoßenen, das heutzutage entweder im Zuchthaus oder im Irrenhaus sitzt.

 

LEONORE

Und was sagte er von uns Frauen?

 

RÜDIGER [aufschreiend]

Leonore! — Wie kommt die Frage auf deine Lippen? — [Ruhiger] Tu’, was du willst! Dann tu’ ich, was ich will! — Menschenwürde ist keine Affenjacke. Menschenwürde ist Atem, Nahrung, Licht. Menschenwürde erwächst aus der Ehe der Eltern und begründet die Ehen der Kinder.

 

LEONORE [langt nach dem Revolver]

Hier ist unsere Menschenwürde!

 

RÜDIGER

Du willst mich töten? [Sich aufrichtend und ihr ins Auge sehend] Versuch’s, wenn du kannst!

 

LEONORE

Wenn du nicht willst . . .

 

RÜDIGER

Bitte! Nur rasch!

 

LEONORE [zieht die Hand zurück]

Woher soll ich denn dann die Kraft dazu nehmen!

 

RÜDIGER

Natürlich bin ich wieder schuld!

 

LEONORE [fliegt ihm an die brust]

Nein, nein! Ich bin schuld! Ich bin schuld!

 

RÜDIGER

Deshalb hat auch das Christentum die Welt erobert. Kein Mensch is sicher, ob er nicht noch einmal im Zuchthaus oder im Irrenhaus sitzt.

 

LEONORE

Und wer sich schuldlos fühlt, der werfe den ersten Stein auf sie.

 

RÜDIGER [vor Schmerz aufschreiend]

Schweig, sag’ ich! Schweig! Bist du irrsinnig geworden?!

 

LEONORE

Ein grauenvoller Schmerz! Gewiß! Ein grauenvolles Verhängnis! Das weiß Gott im Himmel! — Aber warum soll ich die Höllenqual denn auch allein tragen!

 

RÜDIGER [in wildem Entsetzen]

Leonore? Die Eintracht unseres Fleisches könntest du . . .

 

LEONORE

Ich bin zum Äußersten bereit! Ich töte mich hier sofort, wenn es dir etwas hilft!

 

RÜDIGER

Dich töten! Ja? Gewiß! — Aber . . . Nein! Der Gedanke allein schon, daß du daran denkst . . .

 

LEONORE

Du meinst tatsächlich, sich erschießen sei leichter?

 

RÜDIGER

Leichter oder nicht! Es hilft zu nichts!

 

LEONORE

Ich tue, was du befiehlst.

 

RÜDIGER

Wenn ich dir sagen muß, was du mir schuldig bist, dann habe ich längst keinen Grund mehr, es dir zu sagen.

 

LEONORE [ihn groß anstarrend]

Darauf fehlt mir die Antwort! — Es ist ungeheuerlich, wie wenig wir Menschen über unser Leben wissen, über das wir fortwährend in Entzücken oder in Entsetzen geraten!

 

RÜDIGER

Ich habe der Frau, die ihren eigenen Weg geht, nichts zu erlauben, nichts zu befehlen und nichts zu verbieten. Als Unterschätzung empfindet es auch das keuscheste Weib nicht, mit zwei Millionen erkauft zu werden. Gott sei gepriesen! Dann bin ich frei!

 

LEONORE [ruhig]

In dem Augenblick, da man dich verhaftet, erschieße ich mich.

 

RÜDIGER

Das tue ich auch, wenn es so weit kommen sollte. Dessen bin ich absolut sicher.

 

 

VIERTER AUFTRITT

 

EFFIE [rasch eintretend, sehr munter]

Aber Mutter, Mutter, worüber erregst du dich denn so? Ich höre euer Gespräch bis in mein Zimmer hinauf. Ist dieser energische Auslandsmann immer noch nicht zufrieden? Eigentlich hast du doch von Anfang an geahnt, du könntest noch einmal in seine Teufelskrallen geraten.

 

RÜDIGER

In dem Augenblick, da man sich durch etwas mächtigers, als durch seinen freien Willen gebunden glaubt, tritt die ganze fluchwürdige Entsetzlichkeit der Ehe zutage.

 

LEONORE [zu Effie]

Ist denn von deinem Manne keine Hilfe zu erwarten?

 

EFFIE

Geld meinst du? — Nein, liebst Mutter. Mein Mann hat nur noch Schulden. Die 200 000 Francs, die ich letzten Mittwoch in Monte Carlo verspielt, rührten schon zum größten Teil nicht mehr von ihm her. Bei meiner Abreise trug er sich mit dem Plan, eine australische Eisenbahn-Gesellschaft zu gründen. Er glaubte jedenfalls, in Australien gäbe es noch keine Eisenbahnen.

 

LEONORE

Wovon willst du denn leben?

 

EFFIE

Das wird sich finden. Im ersten halben Jahre wären wir ja vor Langweile schon beide ins Wasser gesprungen, wenn ich durch meine Abenteuer nicht immer für interessanten Unterhaltungsstoff gesorgt hätte.

 

RÜDIGER

Was hintert uns denn eigentlich daran, in Frieden zu leben und alle Niederträchtigkeiten zu verachten?

 

LEONORE

Menschenwürde hindert uns daran! Die nackte Würde, die dem ärmsten Kind aus dem treuen Zusammenhalten seiner Eltern zum Erbteil wird! Die Würde, auf die der ärmste Mensch sein Lebensglück baut!

 

RÜDIGER

Vor fünf Minuten standest du ebenso entschlossen auf dem entgegengesetzten Standpunkt.

 

LEONORE

Und du? Standest du vor fünf Minuten nicht auch ebenso entschlossen auf dem entgegengesetzten Standpunkt?

 

RÜDIGER

Ich habe meine Mutlosigkeit überwunden. Ich habe meine Fassung wiedergewonnen.

 

LEONORE

Warum waren wir denn dann vor fünf Minutes nicht einig? Warum sind wir jetzt nicht einig? Soll ich es aussprechen? — Ich kenne mein Kind und ich kenne dich . . .

 

RÜDIGER

Du weißt vor Erregung nicht mehr, was du sagst, Leonore!

 

EFFIE

Wenn ich mit dem eifersüchtigsten Mann verheiratet wäre, ich wollte meinem Manne aus solch einer Falle helfen, ohne meine Treue auch nur im geringsten dabei zu verletzen.

 

LEONORE

Wie meinst du das?

 

EFFIE

Ich stelle mich so, als füge ich mich in mein Schicksal. Ich gehe wie das Lamm zur Schlachtbank. Auf einmal fange ich Feuer, ich werde begeistert — verliebt. Das alles aber in einer so übertriebenen, unechten, unnatürlichen Art, daß dem Gewaltmenschen alle Lust vergeht, daß ihm die Haare zu Berge stehen, daß ihm die Haut schaudert, daß er nicht weiß, wo den Kopf hinwenden. Damit ist die Aufgabe gelöst: Frau Potiphar und Josef. Dir Grobian hat in seiner Ernüchterung keinen heißeren Wunsch mehr, als daß nie eine Menschenseele etwas von der Begegnung erfährt.

 

LEONORE

Kind, mein Kind, an welchen Abgründen sind wir angelangt!

 

RÜDIGER

Ist unsere Lage, ruhig beurteilt, denn wirklich so entsetzlich?! — [Zu Leonore] Ich habe die 400 000 Mark, die du als Braut von deinem Vater mitbekommen hattest, im Laufe von drei Jahren um das Vierfache vermehrt. Das Geld ist in Sicherheit. Wenn wir über den heutigen Tag hinwegkommen, dann hat kein Mensch auf Gottes Welt mehr eine Forderung an uns. Dann sind wir frei und schlagen unbekümmerten Sinns die Bahnen ein, die wir uns beide vorgezeichnet hatten. Dann beweise ich den Menschen, daß ich ein Recht hatte, achtlos über ihre Grenzsteine hinwegzuschreiten. Dann trägt die Erde noch in hundert Jahren die Spuren meines Wirkens.

 

LEONORE

Was ich armes Geschöpf dazu tun kann, um dir deine Siegeslaufbahn zu erleichtern, das tu’ ich. Hab’ ich sonst ein Recht zu leben?! Bedrückt und behindert bist du genug durch mich.

 

RÜDIGER

Glaubst du denn vielleicht, daß die großen Vermögen in dieser Welt jemals duch harmlosere Mittel begründet wurden? Jeder Besitz bringt einem als ersten Ertrag gleich den stolzen Vorteil ein, daß man sich nicht mehr darum zu kümmern braucht, woher er stammt.

 

EFFIE

Ich halte dieses Leben nicht lange mehr aus! Ich komme extra von Monte Carlo nach Ouchy, um meine Eltern einmal wieder zu sehen und ich finde sie in einer Stimmung, daß ich mich in eine Kuhhaut einnähen lassen möchte. Von Früh bis spät nichts als Schwierigkeiten. Ich kann hier doch nicht den ganzen Tag einsam auf meinem Zimmer sitzen und Dante lesen! Du hast eine Heidenangst, Mutter, deine Ehe könnte in die Brüche gehen. Das ist doch kindliche Verblendung! Ich kenne in der Welt nichts Unverwüstlicheres als die Ehe. An meine Ehe denke ich dabei noch gar nicht. Meine Ehe is von einer Zähigkeit, von einer Dehnbarkeit, man könnte die Weltkugel damit umspannen! Aber ich kenne Menschen, die sich fünfundzwanzig Jahre lang täglich gezankt haben, ohne daß sie sich ein einziges Mal untrue wurden! Ich kenne Menschen, die sich fünfundzwanzig Jahre lang täglich untrue wurden, ohne daß sie sich ein einziges Mal dabei gezankt haben! Das glaubt kein Mensch, was so eine richtige Ehe alles aushält! Dabei ist es durchaus gar nicht notwendig, daß beide einander gern hat. Wenn nur einer von beiden den anderen gern hat. Das langt schon reichlich fürs halbe Leben.

 

LEONORE

Vielleicht bin ich der Gewalt der Ereignisse nicht gewachsen. Aber ich erscheine mir durch unsere Lage so zermalmt: ich habe das Gefühl, als setze mir jemand seinen Fuß auf den Kopf, um meinen Mund in den Straßenkot zu stoßen.

 

EFFIE

Das nennt man Hypochondrie, liebe Mutter.

 

LEONORE

Rüdiger! Erinnerst du dich noch daran, wie ich im ersten Vierteljahr unserer Ehe von Hamburg zurückkam? Du erwartetest mich in Hannover auf dem Bahnhof. Kaum waren wir allein, da sagtest du mir, du seiest zu dem Zuge eine Stunde zu früh gekommen, seiest auf dem Bahnsteig auf und ab gegangen und habest dir die Frage vorgelegt, was von beiden dir lieber wäre: wenn ich mir in Hamburg von einem Manne unterm Tisch die Fußspitzen hätte berühren lassen, oder wenn ich auf der Rückfahrt durch einen Eisenbahnunfall ums Leben gekommen ware. Du sagest damals mit aller Entschiedenheit, daß dir mein Tod lieber gewesen wäre.

 

RÜDIGER

Wenn du mich heute fragst, sage ich dir genau dasselbe.

 

LEONORE

Einen Augenblick wurde ich irre. Dann aber dankte ich meinem Schöpfer dafür, daß wir beide hoch genug standen, um dem Leben, wie es in Wirklichkeit ist, so unerschrocken in die Augen zu blicken.

 

RÜDIGER

Nun? Und?

 

LEONORE

Und jetzt . . . ?! Und jetzt . . . ?!

 

RÜDIGER

Es gibt innerste Gedanken, die auch unter verheirateten Menschen nie zur offenen Aussprache kommen dürfen. Ist die Zusammengehörigkeit in Frage gestellt, dann stehen sie sich sofort wie Todfeinde gegenüber.

 

EFFIE

Für mich kommen in der Welt überhaupt nur die wenigen Ausnahmemenschen in Betracht, denen das Unmögliche möglich wird.

 

LEONORE

Das Unmögliche, Effie?! Unmöglich ist es, sich dem Mörder eines geliebten Menschen hinzugeben. Ich gab mich ihm hin. Unmöglich ist es, sich den Besitz eines Mannes durch Selbstvernichtung zu wahren. Ich bin dazu bereit. Aber sich für einen Mann von Grund aus vernichten, der einen vielleicht schon kaum mehr gehört . . . ich bin ja wie mit allen Hunden gehetzt!

 

EIN KELLNER [rasch eintretend]

Je demande pardon. Il y a là bas un individu, qui pretend que monsieur sera menace par la gendarmerie.

 

LEONORE

Jetzt soll mich das Weltall unter sich begraben!

 

[Leonore stürzt hinaus. Der Kellner sieht sich fragend um. Da er keine Antwort erhält, verläßt er das Zimmer, indem er die Türe hinter sich schließt.]

 

 

FÜNFTER AUFTRITT

 

EFFIE [nach einer Pause]

Sind Sie denn eigentlich wirklich von altem Adel?

 

RÜDIGER [sitzt, den Kopf in die Hände gestüzt, stöhnend an einem Tisch]

Ich bin völlig zerrüttet. Ich nur noch ein greuliches Zerrbild von dem, was ich war.

 

EFFIE

In hundert Jahren wird es kein Mensch mehr begreiflich finden, wie man einer so harmosen Schelmerei wegen solch einen Skandal machen kann.

 

RÜDIGER [erhebt sich und rafft sich zusammen]

Meine Mutter war eine geborene Goldstaub aus Budapest.

 

EFFIE

Ich kenne ein uraltes Gebet. Das Gebet stammt aus der Zeit, als es noch mit lebenslänglicher Sklaverei bestraft wurde, wenn sich zwei darauf ertappen ließen, daß sie sich im Verborgenen umarmten. Das Gebet endigt mit dem Worten:

 

Du sollst nicht aus Schwäche lieben
Sondern in Kraft,
Im Selbstgefühl!
Du sollst nicht im Dunkeln lieben
Sondern im Licht!
Wehe der Liebe,
Die vor den Blicken
Der Menge vergeht!
Denn wie deine Liebe,
So deine Kinder!
Wer aber im Dunkeln liebt,
Der lebt auch im Dunkeln!

 

RÜDIGER

Wo haben Sie das gelesen?

 

EFFIE

Das Gebet beginnt mit den Worten:

        Ich, der ich Ich bin . . .

Das freute mich immer am meisten daran!

 

RÜDIGER

Wie heißt es weiter?

 

EFFIE

Ich, der Verborgene,

Der dich ins Leben rief
Zu meiner Lust!

 

. . . aber es geschehen schon Zeichen und Wunder. Ich kenne einen amerikanischen Volkstribun. Der setzt sein Leben daran, den Verkehr zwischen Mann und Weib von allem mittelalterlichen Folterwerk zu befreien.

 

RÜDIGER

Ich weiß, wen Sie meinen. Ich kenne die bezaubernde Sprachgewalt seiner Schriftstellerei.

 

EFFIE

Ein Stockfisch als Liebhaber! — Aber meine Unverwüstlichkeit, die fand ich auch noch bei keiner meiner Schwestern! Ich bin mir ein unerklärliches Naturwunder. In einer Mondscheinnacht im Kolosseum in Rom, da wurde mir klar, in welchen Zeiten ich eigentlich hätte leben müssen: entweder zur Zeit der Perikles in Athen, besser noch in Korinth, oder in Rom unter Commodus oder Caracalla.

 

RÜDIGER

Sie sind so übermenschlich stolz auf Ihren Beruf, ich kenne keinen Diplomaten, der sich mehr auf seine Unverantwortlichkeit eingebildet hätte.

 

EFFIE

Unsere Hingabe ist eben Weltanschauung. Ich habe zwei Jahre darüber nachgedacht, bis es mir eines Morgens wie Schuppen von den Augen fiel. Es war auf einer einsamen Bergeshöhe in Oberösterreich. Ich erwartete mutterseelenallein den Aufgang der Sonne. Als die stahlblaue Wand von den ersten Funken durchzuckt wurde, fragte ich mich: Welchen höchsten Triumph sucht denn das Weib, das keine Kinder bekommt? — Sinnlichkeit!

 

RÜDIGER

Sie könnten sich verrechnen. Erinnern Sie sich der Goetheschen Verse:

 

Der Mann bleibt bis zum Tod begehrenswert.
Das Weib verwelkt, bevor es zu Verstand kommt.

 

EFFIE [singt]

Ich weiß ein allerliebstes Kind,
Ein kind, wie selten Kinder sind,
Mit schwarzem Auge, schwarzem Haar,
An Wuchs und Haltung wunderbar!
’s ist nicht zu groß und nicht zu klein,
’s ist nicht zu dick und nicht zu fein,
Es singt und springt und tanzt und lacht,
Hat manchen schon verrückt gemacht.

 

Und dann das andere Gedicht von Goethe [sie singt und tanzt]

 

Sind die Muskeln straff gespannt,
Schuh’ und Strümpfe gut im Stand,
Dann begin,
Mitten drin,
Von vorn und hinten Königin!
Tanz, wie nie kein Weib getanzt,
Jeden Bocksprung, den du kannst!
Linkes Bein,
Flinkes Bein!
Das rechte muß noch flinker sein!

 

Wissen Sie vielleicht auch, von welchem Klassiker das Lied ist:

 

“Und die hübsche Kleine
Hatte schöne Beine,
Wirklich wunderbare,
Wahre Musterware!

Und vor allen Dingen
Konnte sie gut springen,
Sprang mit leichtem Bein
In mein Herz hinein!”

 

RÜDIGER

Ihr Gesang ist entzücken! Ich warte auf Ihre Entgegnung.

 

EFFIE

Gedulden Sie sich nur. Unsere Abenteuer erfordern nämlich ebensoviel Verstand wie Gewandtheit. Vor vierzehn Tagen soupierte ich in Monte Carlo am gleichen Abend zur selben Zeit mit drei verschiedenen Herrn in ein und demselben Hotel, ohne daß einer von ihnen die geringste Ahnung von der Anwesenheit der beiden anderen hatte. Das war Gemütsgymnastik! Mit Sekunden mußte ich rechnen. Vorwände für mein Fortgehen und Wartenlassen erfand ich, daß es in meinem Hirn wie in einer mechanischen Spinnerei surrte. Jeder der drei holte mich aus unserer Wohnung ab. Jeder bestellte ein anderes Souper von fünf Gängen, von denen ich keinen ungekostet abtragen ließ. Jeder brachte mich im Auto in unsere Wohnung zurück. Es war ein Wirrwarr von Lekerbissen, Pfropfenknallen, Wagenfahrten, Trinkgeldervergeuden . . . Die Kellner überblickten den ganzen Betrieb als vergnügte Zuschauer. Ich bin noch in keinem Hotel ehrerbietiger und mit feierlichern Mienen bedient worden. Was mich das eine Anstrengung kostete, bis ich am nächsten Tage all die verschiedenen Ereignisse, Zwischenfälle und Überraschungen wieder in die richtigen Rubriken eingeordnet hatte! Ich spürte noch etwas Champagnerdunst im Hirn, sonst hätte ich eine statistische Tabelle angerfertigt.

 

RÜDIGER [hat seine volle Haltung widergewonnen]

Waren Sie denn auf diesen Meisterstreich hin in Monte Carlo noch Ihres Lebens sicher?

 

EFFIE

Was kümmert mich das! Aber stellen Sie sich das Ergebnis vor! Anderen Tags gegen Abend gehen die drei Herren wie immer ins Kasino. Jeder von ihnen erzählt einem größeren Freundeskreis, den er sorglich um sich versammelt hat, daß er gestern um elf Uhr mit der berühmten Komptesse d’Armont oder dem Äffchen, wie sie mich nennen, im Hotel Mediterranée unter vier Augen soupiert hat. Die Herren, die den Erzählern am fernsten sind, hören alle drei Berichte zu gleicher Zeit. Eine ganze Weile ergötzen sie sich im stillen auf eigene Faust. Plötlich bricht der ganze Kasinosaal in schallendes Gelächter aus. Meine drei Liebhaber hassen sich natürlich längst wie Kirchenväter. Zuerst sind sie wie vom Blitz getroffen. Plötzlich schreit es von drei Seiten: Sie Lügner! Sie Lügner! Sie Lügner! — Jeder fordert die anderen zwei auf Pistolen. Schließlich entsteht eine fürchterliche Prügelei. Darauf hatte ich gewartet. Als die blutigene Köpfe mit Eiswasser gekühlt werden, lasse ich mich vom Herzog von Eurasburg durch den Saal führen. Niemand erlaubt sich die leiseste Bemerkung über mich. Ich sagte mir: wie jämmerlich klein liegt die große Welt zu meinen Füßen.

 

RÜDIGER [an ihrer Seite]

In Ihren schwarzen Augen schimmert ein feuchter Glanz. Den sah ich noch bei keinem Weibe so faszinierend.

 

EFFIE

Eine Nacht will ich dir schenken . . .

 

RÜDIGER

Ich trage mich nicht zu Markte.

 

EFFIE

Eine einzige Nacht . . .

 

RÜDIGER

Mit Kellnern möchte ich mich aber nicht prügeln!

 

EFFIE

Nicht die heutige . . .

 

RÜDIGER

Schade!

 

EFFIE

Ich weiß noch nicht welche . . .

 

RÜDIGER

Ich bin Herr meiner Zeit.

 

EFFIE

Aber in dieser Nacht werde ich dich so küssen, daß du mich Zeit deines Lebens micht mehr vergißt!

 

[Im unteren Stockwerk kracht ein Schuß]

 

RÜDIGER [zitternd vor Schreck]

Was war das?

 

EFFIE

Ein Revolver! — Was denn sonst?

 

RÜDIGER

Da ist ein Unglück geschehen!

 

EFFIE

Warum denn?

 

RÜDIGER

Das fragen Sie noch? [Ab.]

 

EFFIE [allein]

Es geschieht nicht so leicht ein Unglück! — Und wenn eines geschieht! Es hat doch immer auch seine guten Folgen. Was die Menschen eine Angst vor dem Unglück haben! Mit mir kann sich jeden Tag eine Katastrophe abspielen. Wann wäre ich vor einer glatten Ermordung sicher? Ein Reiz mehr! — Schicksal, wie danke ich dir, daß du mich gerade für diesen Lebenslauf so verschwenderisch begabt hast! — Keine Ermatten! Kein Versagen! Keine Hemmungen! Keine Zwangsvorstellungen! Kein Katzenjammer!

 

 

SECHSTER AUFTRITT

 

[Rüdiger führt Leonore herein, die sich mühsam aufrecht hält.]

 

EFFIE [mit gellem Auffschrei]

Mutter! [Sie stürzt ihr entgegen] Barmherziger Himmel, wie du aussiehst!

 

LEONORE

Effie? — Lebst du noch?

 

RÜDIGER [zitternd vor Besorgnis, bettet Leonore in einen Sessel]

Faß dich, um Gottes willen! Leg dich zur Ruhe!

 

LEONORE

Die Treppe bis hier herauf! Die Treppe! Das nahm kein Ende! Eine Mauer über der anderen Mauer!

 

EFFIE

Was war das? Was hat es gegeben?

 

RÜDIGER

Erschossen hat er sich!

 

EFFIE [neben ihrer Mutter kniend]

Erschossen? Sich selbst? In deiner Gegenwart?

 

LEONORE

Du, Effie, hast mir den Gedanken eingepflanzt!

 

RÜDIGER

Vergiß das! Du darfst acht Tage keine Menschenstimmen hören!

 

EFFIE

Ich hatte geprahlt, Mutter! Mit kindischen Hirngespinsten hatte ich großgetan!

 

LEONORE

Ich wanke hinunter — jede Stufe, jeder Treppenabsatz eine unzerreißbare Wand. [Aufschreiend] Wie er jetzt daliegt!

 

RÜDIGER

Komm zur Besinnung! Du tötest dich, wenn du daran zurückdenkst.

 

EFFIE

Soll ich den Arzt rufen, Mutter? Soll ich dir etwas Stärkendes bringen?

 

RÜDIGER [sie angstvoll streichelnd]

Vorbei ist vorbei! Denk, wie du dich uns erhältst! Du siehst aus, als hättest du keinen Tropfen Blut mehr im Körper!

 

LEONORE

Dafür ist deine Freiheit mit Blut erkauft! Sei stolz, Rüdiger! Stell dich gekrönten Häuptern zur Seite! Mit zwei Menschenleben ist deine Freiheit erkauft!

 

RÜDIGER

Heiliger Gott, mit zweien!

 

LEONORE

Rechnest du meines vielleicht für nichts? — Wie rasch du zusammenazuckst! Rechnest du mein Leben für gar nichts? Was bin ich noch? Nein, du hast nichts erlitten!

 

EFFIE

Welcher Mann betritt je in solcher Verzweiflung das Zimmer einer Frau! Und das alles nur, weil wir Frauen unsere Macht nicht kennen!

 

LEONORE

Kind! Kind! Bewahre uns Gott vor der Macht! Gassenhauer pfeift er zum Fenster hinaus. Und die Höllenangst, daß das Tier sich auf mich stürzt. Ich schlage auf ihn ein. Du verloren! Ich verloren! Am Spiegel ist er festgewachsen, verstrickt sich absichtlich in seine Halsbinde! Nun noch ein letzter Aufwand: Ich zwinge mich zu lachen — lache — lache — [Sie bricht in wildes Gelächter aus.] Dich will ich! Ich befehle — fordere! Schwur, dich zu genießen! Jetzt magst du mich — nach Herzenslust — lieb haben!

 

RÜDIGER [pocht sich mit den Fäusten gegen die Schläfen]

Werden diese Folterqualen denn ewig kein Ende nehmen?

 

LEONORE

Hui, wie ihm da jählings die Frechheit aus den Augen wich! Und die Roheit schwand! Und die Siegestrunkenheit zerrann! Und sein Lachene klapperte, eh’ es abbrach. Und dann . . .

 

RÜDIGER

Eile dich, Leonore! Soll mich de Erzählung meiner Rettung um den Verstand bringen?!

 

LEONORE

An den eigenen Flüchen erstrickt er. Weiß wie Gips, fletscht die Zähne. Und ich? Man soll mich in Stücke schlagen, soll mich zerstampfen, zerstampfen! [Sie ist, die Hände vor dem Gesicht, in einen anderen Sessel gesunken.]

 

EFFIE [gedämpft, aber energisch zu Rüdiger]

Sie begehen ein unmenschliches Verbrechen, wenn Sie die Frau in diesem Augenblick noch quälen!

 

RÜDIGER [gedämpft]

Wäre es vielleicht liebevoller von mir, wenn ich gleichgültig zuhörte?

 

LEONORE [unter strömenden Tränen]

Was tat ich denn Gräßliches? Gekußt habe ich ihn, damit er mich unter die Füße stampft. Aber da . . . [plötzlich gefaßt, ohne Tränen, abwechselnd Rüdiger und Effie anstarrend] . . . da reißt er — reißt beide Hände über den eigenen Kopf zurück — ich fühle schon das Brennen seiner Fäuste auf meinen Wangen — da juckt etwas — da hat er sich von oben ruckwärts erschossen! [Auf ihren Scheitel deutend] Da hinein hat er sich geschossen! [Zurücktaumelnd] Fällt mir gegen die Knie, daß ich zum Kamin zurücktaumle — bleibt regungslos liegen. [Pause]

 

 

SIEBENTER AUFTRITT

 

[Van Zeeter, der Direktor des Hotels, tritt rasch ein.]

 

VAN ZEETER

Est ist mir selbstverständlich maßlos peinlich. Ich muß die Herrschaften aber aufs allerentschiedenste bitten, jedes überflüssige Aufsehen zu vermeiden. Ich habe Ihnen gleich unser Privatautomobil zur Verfügung gestellt. Mehr kann ich nicht tun. Der Wagen wartet im zweiten Hof an der Hintertreppe. [Er öffnet die Tür und ruft hinaus] Vite, vite, monsieur Duvoisin, finissons! Nous n’allons pas faire trop de tapage! [Er läßt Mr. Duvoisin und zwei Gendarme eintreten. Auf Leonore zeigend] Violà la dame en question!

 

DUVOISIN [zu Leonore]

Madame, je suis prefect de police de la commune d’Ouchy. C’est vous madame Wetterstein? N’est-ce pas, madame? — Madame, vous êtes arrêtée! Suivez-moi!

 

EFFIE

Was heißt das?

 

VAN ZEETER

Die Todesstrafe wird in diesem Kanton überhaupt nicht mehr vollstreckt. Die Dame braucht sich also gar nicht übermäßig zu ängstigen. Machen Sie nur möglich rasch, daß Sie hier hinauskommen. Wir haben heute abend großes Smokingkonzert mit der Catalani aus Paris.

 

EFFIE

Sie wissen doch, daß ein Selbstmord vorliegt!

 

VAN ZEETER

Verzeihen Sie, ich weiß gar nichts. [Zu Duvoisin] Eh bien, monsieur Duvoisin, fermons cette affaire!

 

DUVOISIN

Madame, vous êtes oblige de me suivre à la prefecture de police. Depêchez-vous, madame!

 

RÜDIGER [zu Leonore]

Man muß dich ganz ohne Zweifel sofort wieder auf freien Fuß setzen.

 

LEONORE

Ich, Effie, ins Gefängnis? Effie, ist
Das euer Werk? Hilf mir, Allmächtiger,
Hilf mir auch über dies Entsetzlichste
Weiblicher Macht hinweg! Nein, Rüdiger,
Mich aufzudrängen, so verarmt ich bin,
Ich bin mir dazu noch zu gut. — Liebt euch!
Der ärmste Mensch hat heut kein Mittleid mehr
Für mich! Wie soll das Kind mit seiner Mutter,
Der Mann mit seinem Weib noch Mitleid fühlen!
Liebt euch! Liebt euch! Vielleicht, daß spätere Menschen
Für meine Untat mildere Augen haben.
Mit Blut beschmutzt dräng’ ich mich euch nicht auf.
Rührt mich nicht an! Ich gehe ins Gefängnis!

 

[Sie geht rasch ab.]

 

DRITTER AKT

 

SZENERIE

 

[Ein niedriges, aber weites, schneeweiß getäfeltes Gemach mit weißer Holzdecke. Rechts vorn, vom Zuschauer aus, befindet sich die Eingangstür, in der Mitte der Hinterwand eine mit weißen, rosageblümten Vorhängen verhängte Tür und links vorn eine in der weißen Vertäfelung kaum bemerkbare kleine Spißbogentür. In beiden Seitenwänden reihen sich zwischen den Seirentüren und der Hinterwand niedrige breite Fenster dicht aneinander. Durch die Fenster der rechten Seitenwand erblickt man das Innere eines sonnigen, großen, mittelalterlichen Schloßhofes, durch die Fenster der linken Seitenwand einige schmächtige Baumwipfel, die Spitze eines Wachttürmchens und darüber den tiefblauen Himmel. Die Fenstere auf der Hofseite sind geschlossen, während die gegenüberliegenden angelweit offen stehen. Die Ausstattung des Gemaches besteht aus drei kleinen, von leichten Stühlen umstellten Tischen, alles in blendendem Weiß. Schaukelstuhl, Sofa, Diwan sind nicht vorhanden. Die Tische sind zum Tee gedeckt. Auf dem mittleren steht die Teemaschine. Wenn die Vorhänge der Mitteltür gelüftet werden, sieht man, ohne Einzelheiten zu erkennen, in ein von düsterroter Glut erleuchtetes Gemach.]

 

 

ERSTER AUFTRITT

 

[Heiri Wipf in Hemdärmeln und gründer Schürze, einen riesigen Binsenhut mit rotem Band auf dem Kopf, füllt aus einem rohen Weidenkorb die Obstschalen, die auf den Tischen stehen, mit frischen Früchten.]

 

HEIRI WIPF [singt]

Wie waren die Zwetschen so blau!
Wie waren die Zwetschen so blau!

 

PROFESSOR SCHARLACH [öffnet die Tür rechts vorn und ruft herein]

Du Schlingel, horst du endlich auf mit deinem
Vermaledeiten, lauten Gaffenhauer!

 

HEIRI WIPF [lacht]

Das wär’ mir eine ganz neue Einrichtung! [Er geht mit erhobener Faust auf Scharlach zu.] Du meineidiger Ketzer! Warum soll ich denn hier nicht singen?

 

SCHARLACH

Sei still! Das Schloßfräulein fühlt sich nicht wohl.

 

HEIRI WIPF

Was? — Das Schloßfräulein? — Unser liebes Schloßfräulein? Schmerzt es sie irgendwo?

 

SCHARLACH

Und wie sie’s schmerzt! Sonst weinte sie doch nicht.

 

HEIRI WIPF

Sie weint? Ach du mein Gott! Das Schloßfräulein weint! Warum, zum Teufel, sagt Ihr mir das auch nicht gleich? O du verrecktes Aas! Wenn das Schloßfräulein einmal weint, dann muß es schon arg sein!

 

SCHARLACH

Das ist es auch! Jetzt mach’, daß du hinauskommst!

 

HEIRI WIPF

So grobklötzig braucht Ihr aber deshalb noch lange nicht mit mir zu reden! Ihr verbrennter, verreckter Ketzer! Sagt dem Schloßfräulein getrost: der Heiri Wipf läßt dem Fräulein baldige Besserung wünchen!

 

[Heiri Wipf rechts vorn ab. Professor Scharlach folgt ihm.]

 

 

ZWEITER AUFTRITT

 

[Professor Scharlach führt Effie herein, die, in großer Toilette, ein Diadem im Haar, das Gesicht von Tränen überströmt, heftig in sich hineinschluchzt. Er geleitet sie zu einem der geöffneten Fenster, vor dem sie weinend auf einen Stuhl zusammensinkt.]

 

SCHARLACH [seufzend]

O je, o je, o je, o je, o je!
Ich unglückseliger Tölpel! Wer ist darauf
Gefaßt. Von meiner medizinischen
Entdeckung hingerissen, stoß’ ich dem
Versuchskaninchen, ohne mir’s zu träumen,
Die mörderische Theorie ins Herz!

 

EFFIE [heulend]

Ich hatte ein Weltanschauung mir
Gebaut. O Gott, o Gott, was ist jetzt übrig
Von meiner kindisch blöden Weltanschauung?

 

[Sie weint herzbrechend.]

 

SCHARLACH

Es ist dir nicht gesund, mein Kind, wenn deiner
Erregung du die Zügel schießen läßt!

 

EFFIE [heuland]

Mein Stolz, mein Übermut, mein Zeitvertreib,
Mein Abenteurerleben, meine Freiheit,
Ich dankte alles meiner Weltanschauung.
Von jedem Blick, der einen Menschen einfing,
Von jeder Nacht, die ich durchtobt, hab’ ich
Gewissenhaft mir Rechenschaft gegeben,
Nicht anders, als wenn anvertrautes Gut
Ich zu verwalten hätte. Und nun hör’ ich,
Daß alles Krankheit, mein Verlangen Krankheit,
Die Augen Krankheit, meine Farbe Krankeit!

 

SCHARLACH [seufzend]

Das Zimmer, das hier oben ich bewohne,
Ist wohl das sonnigste, das traulichste
Im ganzen Schloß. Dir, Effie, hab’ ich das
Zu danken. Jeden Morgen, wenn das Mädchen
Das Früstück mir vors Bett bringt, frag’ ich mich,
Ob ich nicht einen Kindertraum noch träume.
Dicht unter meinen Fenstern wuselt es
In dem Kaninchenzwinger. Gegenüber,
Von Efeu und von Sonnenschein umschmeichelt,
Die rötlich braunen Quadern der Bastei.
Für solch ein Zauberreich zeig’, Effie, dich
Nicht undankbar. Als unumschränkte Herrin
Thronst du auf einem Fürstensitz, wie seit
Jahrhunderten die Menschheit ihn nicht kannte.

 

EFFIE [ihre Tränen trocknend]

Und daß mir das, wie abgekartet, heute,
Grad heute eingetränkt wird! Meine Laune,
Verstand und Tollheit, Narrheit, Weltanschauung
Hatt’ ich noch nie wie heute nötig. Heute
Stürzt alles, mich zermalmend, in mir ein!

 

SCHARLACH

Wer weiß, mein Kind, ob darin nicht ein Wink
Des Himmels zu erblicken wäre. Schon
Acht Tage hält nur schuldige Ehrerbietung
Von einem offenen Wort mich ab. Wir alle,
Die als Trabanten schützend dich umgeben,
Sind ausnahmsweise einmal einer Ansicht . . .

 

EFFIE [bestimmt und ruhig]

Genug, genug. Unmöglich kann darüber
Ich mit mir sprechen lassen. Überhaupt
Entzieht sich das dem allgemeinen Urteil. —
Nun aber sag’ mir bitte klar und kurz,
Was ich vor Schreck nur halb gehört. Mein starkes
Verlangen ist die Folge, wenn ich recht
Verstanden, von Verdauungsstörungen?

 

SCHARLACH [mit den Achseln zuckend]

Von Kindheit an hat du dich sicherlich
Zu fest geschürt.

 

EFFIE

                              Und meiner Augen Schimmer,
Aus dem der Mann sich, was weiß ich, verspricht,
Verdank’ ich also einem Leberleiden?

 

SCHARLACH

Du, Effie, weißt ja selbst, wie unbarmherzig
Ich meine medizinischen Probleme
Durch alle Netze peitschen muß, soll mir
Der kleinste Fang nur zur Verwertung bleiben.
Schon bald zwölf Jahre schreib’ ich jetzt an meinen
Voraussetzungen zum Verbrechertum”.
Nicht daß ich etwa einzig mit der Absicht
Dein Leibarzt ward, dich auszuspionieren.
Das Honorar, das Salzmann mir bezahlt,
Hätt’ jede andere erste Kraft begeistert.
Ist’s aber denn so ganz verwunderlich,
Daß an der Mittagstafel im Raketen-
Geknatter unserer Unterhaltung ich
Für einen Augenblick vergaß, daß du
Der Zweck des Alls und nicht die Wissenschaft.

 

EFFIE

Und daß so leicht und plötzlich mein Gesicht

Die Farbe wechselt, und der matte Ton
Der Haut, das alles kommt von Gallensteinen,
Wenn night ein Lungenleiden gar dran schuld?

 

SCHARLACH [mit liebevollster Besorgtheit]

Dir, Effie, tritt auch künstighin kein Mann
Vor Augen, der dir ohne Widerstand
Nicht ausgeliefert wäre — so wahrhaftig,
Wie niemand lebt, der deiner Eitelkeit
So unverschämt zu schmeicheln weiß wie ich. —
Sei ruhig! Die Paladine deines Reiches,
Ich höre sie schon auf der Wendeltreppe.
Sei munter! Niemand werke dir was an.

 

EFFIE [sich erhebend]

Erloschen ist des Lebens Flammenpracht,
Nur freudlos düstre Kohlen blieben übrig.
Verkaufs-Entsühnung, Dirnen-Heiligung,
Wie albern, wie entsetzlich schal mir das
Jetzt klingt! Und doch kehr’ ich nicht um. Jetzt kommen
Verfall und Niedergang. Sie sollen aufrecht
Und stolz mich finden, wie das Glück mich sah.

 

 

DRITTER AUFTRITT

 

[Rüdiger von Wetterstein öffnet die Tür rechts vorne und steckt den Kopf herein.]

RÜDIGER

Darf man herein, mein Kind?

 

EFFIE

Ich bitte dringend.

 

RÜDIGER [in der offenen Türe nach außen]

Herein, geliebtes Herz! Wir stören nicht.

 

LEONORE VON WETTERSTEIN [eintretend]

Hilf Gott, mein Engelskind, du hast geweint!?

 

EFFIE [in übermütiger Frölichkeit]

Gelacht habe ich, bis mir die Tränen in
Den Augen standen. Nein, geliebte Mutter,
Hättst Hannibal du eben die Geschichte
Erzählen hören, johlend lägst du auf
Dem Rücken, wenn du sie verstanden hättest.

 

LEONORE [sie umarmend]

O Effie, deine frohe Laune ist mir
Ein Labsal. Weißt du denn, wie fürstlich du
Uns heut beschenkt? [Zu Rüdiger]
Ich darf doch davon reden?

 

RÜDIGER

Ich habe der Gefährtin meines Schicksals
Nichts zu erlauben. Ich befehl’ ihr nichts,
Verbiet’ ihr nichts, nachdem ich ihr Vermögen
In die vier Wände jagte und mein Kopf
Durch solche Riesenarbeit kahl geworden.

 

LEONORE

Und wie ein junges Mädchen haschst du noch
Nach Schmeicheleien! Meinen weißen Scheitel
Hat keine fieberhafte Tätigkeit
Gebleicht. — Die erste Post bringt heute früh
In ausgefertigten Verträgen uns
Die Rente, die fürs Leben uns gesichert.
Vom heutigen Tag erhalten Rüdiger
Und ich pro Jahr . . . [Zu Rüdiger]
Darf ich die Summe nennen?

 

RÜDIGER

Achttausend Mark bezahlt! — Professor Scharlach
Hat so schon das Vertrauen unserer Tochter.

 

LEONORE [zu Effie]

Kind, kind, was mag dich das gekostet haben!

 

EFFIE

Ein Zauberkunststück!

 

LEONORE

                  Bei Karl Salzmann geht das,
Als ob ihm überird’sche Geister hülfen.

 

RÜDIGER

Der gute Salzmann, ja! Hätte’ ich im Traum
Mir je gedacht, ich werde noch einmal
Auf meiner Ahnen Burg zu Gaste sein.

 

LEONORE

Auf dem Schloß Wettersteine! Rüdiger
Von Wetterstein auf Wetterstein! Das klingt!

 

RÜDIGER

Pension Karl Salzmann auf Schloß Wetterstein,
Das klingt dagegen duchaus zeitgemäß.

 

SCHARLACH

Zeigt sich Direktor Salzmann auch vielleicht
Weitherzig manchmal in der Wahl der Mittel,
Die Gabe des Organisators muß
In hohem Maß ihm zugesprochen werden!

 

RÜDIGER

Ein Ausbund von Geschäftsmann! Nicht zu glauben,
Auf welche Art Gedanken der verfällt!

 

LEONORE [zu Effie]

Und Welch ein rührend schönes Heim hat er
Für deinen Vater und für mich im Bergfried
Geschaffen! Ein verborgnes Stufenpaar
Führt Heimlich, wie in eine höhere Welt,
In unsere Kemenate. Fern im Norden
Des Schwarzwalds dunkle Höhn. Und auf den Hof
Hinaus die Fenstere über dem Portal
Von Anno sechzehnhundertzweiunddreig,
’s ist nicht zu glauben! — Ei, da kommt er selbst!

 

 

VIERTER AUFTRITT

 

[Karl Salzmann, Waldemar Uhlhorst, Matthias Taubert und Schigabet treten ein. Schigabet ist à la Wahnsinn frisiert, mit Vatermörder, Spitzenkrawatte und Spitzenmanschetten, dazu blauer Frack, golden Weste, violette Atlaskniehosen, silbergraue Seidenstrümpfe und naturlederne Spangenschuhe mit roten Absätzen. Er trägt eine Troubadour Laute unter dem Arm.]

 

SALZMANN

He! Trinken wir Kaffee! Hier gibt sich jeder
Noch unbefangner als bei sich zu Haus.

 

[Zu Effie, während die anderen eintreten]

 

In Yokohama wird die Weltausstellung
Im Mai eröffnet. Trotzdem frag’ ich mich,
Ob wir nicht lieber an den Südpol gehn.
Ich glaube, Effie, daß sich diesen Sommer
Am Südpol alles ausnahmslos begegnet,
Was auf dem Erdball einen Namen hat.

 

EFFIE

Ich bin dafür, daß wir die Weltausstellung
Zuerst und dann den Südpol absolvieren.

 

SALZMANN

Dem Goldkind meinen Dank!

 

EFFIE

                                                                    In welchem Teil
Der Burg wird Mister Tschamper Wohnung nehmen?

 

SALZMANN

Im alten Zeughaus, nach Südwesten hin.
Vom Hof die Morgensonne. Abends sieht er
Die Sonne hinter fernste Gipfel sinken.

 

EFFIE

Und geht er mittags übern Hof zur alten
Bastei hinauf, dann strahlt die Gletscherstirne
Der Jungfrau ihm aus ewigem Eis entgegen.

 

SALZMANN

Die Einfahrt Mister Tschampers durch das Tor
Des untern Hofs verkünden uns Fanfaren
Von Hörnern. In der Söllerhalle sind
Die Jagdhornisten aufgestellt. Im Schloßhof
Spricht Schigabet dann die Begrüßungsrede.

 

SCHIGABET

Vorausgesetzt natürlich, daß mein Gastspiel
Nach Argentinien durch Mister Tschamper
Zustande kommt. In Südamerika
Soll für uns Humoristen augenblicklich
Das glänzendste Geschäft zu machen sein.

 

EFFIE [in die Hände klataschend]

Jetzt singt uns Schigabet ein neues Lied!

 

SCHIGABET

Ein Lied? Derweil wir jeden Augenblick
Gewärtigen müssen, daß der tausendjährige
Steinhaufen jählings mit uns in die Lust fliegt?!

 

EFFIE

Um so geschwinder eilt die Zeit dahin,
Bis Mister Tschamper kommt!

 

RÜDIGER

                               Die Zeit verfliegt
Hier oben uns mit so beängstigender
Geschwindigkeit auch ohne Explosionen —
Ich fürchte unberufen Tag und Nacht,
Der Erdball könnt’ aus seinen Angeln springen.

 

LEONORE

Um Gottes willen, Rüdiger, treib’ keinen
So losen Spott mit unserm alten Erdball!

 

RÜDIGER

Wir hätten, sußes Herz, dann doch den Vorteil,
Gemeinsam aus der schönen Welt zu scheiden!

 

LEONORE

Das einzige Glück, um das ich Gott noch bitte!

 

TAUBERT

Steinhaufen-Explosionen?! Ist das Schloß
Gefährdet, in die Luft gesprengt zu werden?

 

UHLHORST

Im anarchistischen Laboratorium,
Das ich im Erdgeschoß mir eingerichtet,
Setzt’ heute früh ich eine Bombe an,
Um sie auf ihre Brauchbarkeit zu prüfen.
Platzt sie von selbst und sprengt uns in die Luft,
Dann ist sie schlechterdings zu nichts verwendbar.
Doch wenn bis zum Befehl sie ihre Wut
In sich verschliesßen kann, dann braucht die Menschheit
Sich länger vor Armeen nicht zu fürchten.
Erdbeben, Überschwemmungen sind auf
Bestellung dann zu haben. Ungestraft
Wird dann kein Dieb mehr mit Kanonen donnern.

 

SCHIGABET [singt zur Laute]

Heimlich in den Katakomben
Fabrizieren wir die Bomben,
Die man aus dem Fluche kennt:
Himmel-Bomben-Element!

 

EFFIE

Noch hatt’ ich keinen Kehlkopfakrobaten
Je zum Geliebten, der so meisterhaft
Koloraturen sang, wie Schigabet.

 

UHLHORST [mit übergeschlagenen Beinen in einem Sessel]

Wir alle drei, du, Effie, Mathieu Taubert
Und ich, im gleichen Gegensatze stehn wir
Zur hochgepriesenen Ordnung der Gesellschaft.
Du, Effie, Bajadere — Edelhure.
Matthias Taubert: Metaphysik, von
Der Denkfaulheit der Menschheit ausgehalten.
Und ich, der ich mein Leben gern so teuer,
Wie irgend möglich, in die Schanze schlage,
Nur um es ohne Schande loszuwerden.

 

EFFIE [in die Hände klatschend]

Jetzt singt uns Schigabet ein neues Lied!

 

LEONORE [Effie auf die Stirn küssend]

Laß dich nicht stören, mein geliebtes Kind.
Dein Vater wird mit mir ein Stündchen jetzt
Der Ruhe pflegen.

 

RÜDIGER

                                    In dem Maulbeerbaum
Vor unserm Fenster zwitschern uns die Amseln
Das Schlummerlied.

 

UHLHORST

                           Als Kind schon hörten Sie’s!
Sie sind doch wohl auf Wetterstein zu Hause?

 

RÜDIGER

Nicht doch. Geboren bin ich in Berlin,
Steglitzerstraße Numero sechsundvierzig.
Von dort gelangt’ ich ins Kadettenhaus.
Schon seit dem dreizehnten Jahrhundert war
Das Schloß nicht mehr Besitztum der Famille. —
Entschuldigen Sie, meine Herren, ich bin
Im ganzen Schloß der einzige Ehekrüppel.

 

LEONORE

Was unsre Ehe aber auch an Stürmen,
An Prüfungen bestand. Und wie beglückend,
Wie unzerreißbar hält sie jetzt zusammen!

 

RÜDIGER

Nur, weil du endlich einsiehst, Leonore,
Was dauernden Bestand im Leben hat.

 

LEONORE

Beim Nachmittagskaffee die Augen halb
Geschlossen und an nichts zu denken brauchen!

 

SALZMANN [zu Rüdiger]

Gestatten Sie mir, Herr Baron, daß ich
Der gnädigen Frau und Ihnen Abendessen
Im Garten in verschwiegner Gaisblattlaube
Auftragen lasse?

 

LEONORE [drückt ihm gerührt die Hand]

                          Dieser gute Salzmann!

 

SALZMANN

Ich wünsche Ihnen angenehme Ruh’.

 

[Rüdiger und Leonore rechts vorne ab.]

 

EFFIE [in die Hände klatschend]

Jetzt singt uns Schigabet ein neues Lied!

 

SCHIGABET [singt zur Laute]

Auf dem Dampfer
Reicht’s nach Kampfer.
Und wer riecht nach Kampfer dort?
Niemand als der reiche Lord!

 

SALZMANN

In Argentinien ist dies Lied für Sie
Ein glänzender Erfolg! Wenn Mister Tschamper
Sie hört, Sie müssen mit. Er reißt Sie los,
Und wär’ Europa Ihnen angewachsen.

 

TAUBERT [in einem Sessel]

Ich ward von einem seltsamen Genuß
Hier oben überrascht. Die Folterkammer,
In der an meinem “Sonnenstaat” ich schreibe,
Liegt so vom Schloßhof abgeschieden, auf
Den schroffen Felsen so vereinsamt, nur
Der Blick nach Süden leistet mir Gesellschaft.
Da überkommt mich dann ein Glücksgefühl,
Denk’ ich, welch ungeheure Qualen in
Dem engen Raum einst ausgestanden wurden . . .
Oft weiß ich mich vor Wonne kaum zu fassen.

 

EFFIE

Ich kannte einmal einen Herrn, der streute
Glassplitter abends in sein Bett, aus Furcht,
Er könnte unversehns im Schlaf einmal
Vor Langeweile sterben.

 

UHLHORST

                                          Als im Jahr
Elfhundertfünfzig Friedrich Barbarossa
Hier oben einritt, seinen Nebenbuhler,
Den Grafen Ulerich zu rädern, stand
Der welthistor’sche Anarchismus grade
In vollster Blütenpracht. Ich sage das
Im Hinblick darauf, daß die sittliche
Weltordnung jener Zeit der Propaganda
Der Tat von heute so vollkommen glich,
Daß wir uns wohl als Helden brüsten dürfen.

 

EFFIE

Wer anders aber kann als ich auf diesem
Uralten Fürstensitz tatsächlicher
Berührung sich mit Fürstlichkeiten rühmen?
Stehst du, Matthias, mit dem Heiligen Stuhl,
Nachdem sein Bannfluch endlich dich berühmt
Gemacht, auch schriftlich nur in Unterhandlung?
Dir, Waldemar, soll’n Überschwemmungen,
Erdbeben soll’n dir auf dein Wort gehorchen.
Den Herrn der Erde bringt dich das nicht näher.
Vor Polizei und Schwurgericht erkämpfst du
Im besten Fall dir deinen Heldentod. —
Denk’ ich der tosenden Begeisterung,
Des Freudenschreis aus tausend, tausend Herzen,
Wenn mein Geliebter aus der Residenz
Zum Volksfest lächelnd angeritten kommt,
Dann preis’ ich glücklich mich vor allen Weibern,
Die eingekerkert in Familien stöhnen.

 

TAUBERT

Ich bitte! Uhlhorst, Scharlach, Schigabet
Und Salzmann! Schlitzen wir den Bauch uns auf!
Welch niegrig faule Tröpfe waren wir,
Daß wir als Prinzen nicht aus königlichem
Geblüt in Gottes Welt uns eingefunden!

 

EFFIE

Hergott im Himmel, Welch ein schöner Mensch!
Dabei kein Dummkopf. Diese königliche
Freiheit des Ausdrucks: Alle nennt ihr mich
Mit Kosenamen. Schigabet nennt mich
“Mein Äffchen.” Du, Karl Salzmann, sagst natürlich
“Mein Goldkind.” Uhlhorst sagt zu mir “Mein Pony,”
Epiphania” nennt mich Mathieu Taubert,
Und Scharlach nennt mich “Mein Versuchskanninchen.”
Als mich der Prinz am Herrenreiten meine
Weißäugigen Rappen lenken sah mit ihren
Fleischfarbenen Körperblößen, schrie er laut
Dem Adjutanten zu: Kreuzsakrament,
Schau, wie die Säule dies paar Augen kleiden!

 

SCHIGABET

Wie kommt’s, mein Äffchen, daß ein Prinz mich nicht
Als Humoristen engagiert?

 

SCHARLACH

                                          Und mich
Als Leibarzt!

 

TAUBERT

                          Mich als Beichtiger!

 

SALZMANN

Mich als Finanzminister!

 

UHLHORST

                                 Mich als Kanzler!

 

EFFIE

Weil mein Geliebter einzig und allein
Um meinetwillen, ganz um meinetwillen
Mich lieben soll! Weil euren Geistesgaben
Ich nichts bei ihm zu danken haben will!
Nicht euch und keiner ird’schen Macht! Nur mir,
Wie ich geschaffen, dank’ ich seine Liebe.
Um einen Weltkrieg zu verhindern, hat sich
Der Prinz vermählt. Mir aber bringt er seine
Noch unverbrauchte Leidenschaft. Ein Mann,
Dem sich, wenn er zu Pferd sitzt, rudelweise
Die schönsten Weiber vor die Hufe werfen,
Dem Mann bin ich has Höchste auf der Welt.
Nach unsrer ersten Unterhaltung schenkte
Er mir den Goldpokal, aus dem wir tranken.
Mein teuerster Besitz. Ich fand bis heute
Nicht einmal Zeit, die Inschrift zu entziffern.

 

[Sie nimmt den Pokal aus einem Kästchen, das sie aus einem Wandschrank geholt hat, und gibt ihn Uhlhorst.]

 

UHLHORST [entziffert langsam die Umschrift]

Sei . . . es . . . was . . . sei
Alles . . . geht . . . vorbei.

 

[zu Effie]

 

Wie stell’n sich aber Königliche Hoheit
Zu deiner Weltanschauung? Unbehaglich
Muß deinem Prinzen doch zumute werden,
Wenn mitten er im schönsten Sinnenrausch
Mit einer Meute funkelnagelneuer
Gedanken sich herumzuhetzen hat!

 

EFFIE

Bedenk’ doch, Waldemar, ein Mann wie er!
Ein Herrscher ohne Makel, einwandfrei
Vom Scheitel bis zur Zehe. Ein Achilleus!
Da kann ich plaudern, was ich will, ihn bringen
Die tollsten Späße nicht um seine Hoheit.
Selbst von der heiligen Weihe der Umarmung
Hört er mich ohne Wimperzucken schwärmen,
Als läge für den königlichen Wüstling
Nicht eine Spur von Lästerung in dem Wort.
So glücklich macht ihn mein Versteckenspiel,
Mit dem das Weib den Mann gefangen hält.

 

TAUBERT

Nur unsre Liebesstufenleiter hast
Du deinem Prinzen schwerlich schon verraten!

 

EFFIE

Die Liebesstufenleiter lallt er machmal
Schon tief in Traum. Als im Torpedohafen
Schiffstaufe war und er die Rede, die man
Ihm in die Hand gedrückt, nicht lessen konnte,
Da sagt’ er, ohne lang’ sich zu besinnen
Erstens im Dunkein, zweitens im Lampenschein—
Sklavische Brut in verängstigter Pein!

 

UHLHORST

Drittens beim Tageslicht, viertens im Freien—
Freuden, die wir auch im Tod nicht bereuen!

 

SALZMANN

Fünftens in Nacktheit, sechstens vor Spiegeln—
Hei, wie im Sturm sich die Sinne beflügeln!

 

TAUBERT

Siebtens im Perlenschmuck, actens im Festgewand—
Längst sind die Sünden der Knechtschaft verbannt!

 

EFFIE

Neutens im Wettkampf, zehntens als Opferfest—
Daß unsere Gottheit uns nicht mehr verläßt!

 

SCHIGABET [die Laute stimmend]

Ich habe unsere Liebesstufenleiter
Zwerchfellerschütternd parodiert. Lachkrämpfe
Bekommt ihr, wenn ihr meine Verse hört!

 

[Elegische Jagdhornfanfaren, dazwishen gellende Autosignale werden von außen hörbar.]

 

SALZMANN

Das sind die Hörner Mister Chagnarals!
Im Hofe woll’n wir Mister Chagnaral
Tschamper aus Atakama insgesamt
Willkommen heißen auf Schloß Wetterstein!

 

SCHIGABET

Doch bitt’ ich, gleich nach der Begrüßungsrede
Mich ihm für Argentinien zu empfehlen.

 

SALZMANN

Das soll geschehn! Laßt Mister Tschamper uns
Beim Eintritt in die Söllerhalle einen
Empfang bereiten, wie seit Barbarossa
Kein Weltbeglücker ihn hier oben fand!

 

[Alle, bis auf Effie und Taubert, verlassen das Gemach]

 

 

FÜNFTER AUFTRITT

 

EFFIE

Warum gehst du nicht mit zu Mister Tschampers

Willkomm?

 

TAUBERT

             Ich will ihn überhaupt nicht sehn.
Ich reise heute ab. Wie lange bleibt er?

 

EFFIE

Für einen Monat nahm er bei uns Wohnung.

 

TAUBERT

Epiphania! Nimm dich vor dem Kauz
In acht! Drei Freudenmädchen oder vier

Hat er schon hingemordet.

 

EFFIE [lacht]

                                    Zeitungsenten!
Wär’ eine nur dran wahr, er liefe doch
Nicht frei umher.

 

TAUBERT

Man sagt, die Mädchen hätten
Selbstmord begangen.

 

EFFIE

                            Dumm genug von ihnen.
Daraus ersiehst du selbst, daß er sie nicht
Getötet hat.

 

TAUBERT

                     Was zahlt er für den Spaß?

 

EFFIE

Glatt hunderttausend Dollars.

 

TAUBERT

                                         Alle Achtung!

 

EFFIE

Es ist der höchste Preis, den man bis jetzt
Für mich bezahlt hat.

 

TAUBERT

                   Nimm ihn lieber nicht.
Epiphania, nimm ihn lieber nicht.

 

EFFIE

Wie kann ich das! — Vom Kaiser wird der Prinz
Entmündigt, wenn er wieder seine Schulden
Nicht zahlt. Sein Fürstentum wird unverzüglich
Vom Landtag mit Umgehung der Regentschaft
Dem Reich als Reichsland angetragen. Einen
Statthalter setzt man ein. Die Dynastie,
Die tausend Jahr regiert, hat aufgehört
Zu herrschen!

 

TAUBERT

                   Um von dir beherrscht zu werden!
Du hast ihn endlich dann für dich allein.

 

EFFIE

Im Gegenteil! Mit dem Verzicht auf die
Thronfolge bin ich abgetan. Dann lebt er
Nur noch für seine Frau und seine Kinder.

 

TAUBERT

So nüchtern überblickt er den Betrieb?

 

EFFIE

Er ist nicht frei, wie ihr. Mir schreibt es die
Prinzessin selbst. Und außerdem bekommt er
Nur zweimalhunderttausend Mark. Karl Salzmann
Steckt hunderttausend dafür in die Tasche,
Daß er mit Mister Tschamper die Verträge
Derart festlegte, daß mein Honorar
Nicht unter irgend welcherlei Begründung
Zurückgefordert werden kann. Bei unsern
Geschäften stets das schwierigste Problem.

 

TAUBERT

Und dir verbleiben hunderttausend Mark?

 

EFFIE

Vorausgesetzt, daß ich die ausbedungnen
Verpflichtungen erfülle, sonst erhalte
Ich nichts. Ich brauchte eine größere Summe,
Den Eltern eine Leibrente zu sichern.
Karl Salzmann nahm des Ankaufs sich der Rente
Mit einem Sachverständnis an, mein Vater
Fällt in Verzückung, wenn er davon spricht.

 

TAUBERT

Zwei Mädchen sind historisch nachgewiesen,
Die unter seinen Augen endeten.

 

EFFIE

Der Argentinier hat den einzigen Wunsch,
Im Arm des Weibes seinen Tod zu finden.
Das ist doch schließlich nichts Erstaunliches.
Es fänden hundert Menschen nicht die Kraft
Zum Selbstmord, wenn sie sich den Lebensekel,
Der einmal unbedingt dazu gehört,
Nicht vorher im Verkehr mit Frauen holten.

 

TAUBERT

Bedenklich scheint mir nur, daß sein Versuch
        Bis jetzt bei keiner ihm gelungen ist.

 

EFFIE

In unserem Stand gibt’s klägliche Geschöpfe
Zu Tausenden, die eines Mannes Tod
Mit anzusehn nicht über sich gewinnen.
Sie ahnen einfach nichts von der Gewalt,
Die über Männerschicksal uns verliehn ist.

 

TAUBERT

Wieviel sahst du schon tot?

 

EFFIE

                                        An meinem Herzen
Erschoß mein Gatte sich.

 

TAUBERT

                                         Epiphania
Aphrodisiaca! Wenn einen Friedhof
Du nachts betrittst, dann heben sich die Deckel
Der Särge. Aber sei auf deiner Hut.

 

EFFIE [lacht]

Was hab’ ich denn zu fürchten! Letzten Sommer
War ich mit dem verdrehten Prinzen von
Afghanistan am Mondsee eingesperrt.
Ein Sommeraufenthalt wie jeder andere.
Wie Kinder spielten wir.

 

TAUBERT

                                 Epiphania
Aphrodisiaca! In allen Wassern
Bist du gewaschen. Trotzdem . . .

 

EFFIE

                                                     Einen Herrn
Kannt’ ich, der scharfgeladen um sich schoß,
Wenn man ihn an den weißen Haaren auf
Der Brust nur zupfte. Horch, der Heiri singt!

 

HEIRI WIPF [singt auf einem Pflaumenbaum vor dem Fenster]

Wie waren die Zwetschen so blau!

Wie waren die Zwetschen so blau!

 

TAUBERT

Die Stimme! Au! Das geht durch Mark und Bein!

 

EFFIE [öffnet das Fenster und ruft hinaus]

Laß jetzt das Pflaumenpflücken, liebster Heiri!

 

TAUBERT [an einem der Fenster]

Ist das ein unbeschreiblich schöner Rundblick!
Wenn man so denkt, wie rasch kann all die Pracht
Nur mehr für andere Menschenkinder schön sein.

 

EFFIE

Da kommt er wirklich selbst, der Pflaumen-Heiri!

 

HEIRI WIPF [einen Sack um die Schultern, auf der Fensterbank kniend]

Das is ein verreckt schönes Lied, das von den Zwetschen! Von früh bis spät schafft man wie ein Steinbrecher, aber man bringt das Lied ums Verrecken nicht los!

 

EFFIE

Dann sing’s uns vor. Komm, Heiri! Steig herein
Mit deinem vollen Pflaumensack und sing!

 

HEIRI WIPF [steigt ins Zimmer]

Ein unerkannt schönes Lied! Es kommt aus Hochdeutschland. Der Hofnarr mußt’s dem Schloßfräulein jeden Morgen singen! Ich sing’ schlecht hochdeutsch.

 

[Er singt.]

 

Wie sind doch die Zwetschen so blau, so blau!
Wie sind doch die Zwetschen so blau!
Dann kommen die Bauern und quetschen
Ein gräßliches Mus aus dem Zwetschen.
Sie quetschen die Zwetschen so blau, so blau!
Sie quetschen die Zwetschen so blau!

 

TAUBERT

Dies Rindvieh! Laß mich’s nicht entgelten, Effie!

 

HEIRI WIPF

Rindvieh?! [Er geht mit erhobener Faust auf Taubert los.] Das wäre mir eine gediegene Neuigkeit. [Da Taubert rasch Reißaus genommen] Ich bin Dreck. Ihr seid Dreck. Und das Schloßfräulein ist — aber die ist dann vom Allerfeinsten! Alle hätten wir’s besser, wenn wir Richvieh wären.

 

EFFIE

Brav, Heiri! Du bist ein Prophet. Geh in
Den Garten jetzt hinaus, pflück’ einen Korb
Voll großer frischer Birnen uns zum Nachtmahl.

 

HEIRI WIPF

Auf die Nacht! Ei jawohl! Große frische Birnen für das Schloßfräulein! Die Nacht ist halt eben eine so verreckt heiße Tageszeit!

 

[Rechts vorn ab.]

 

EFFIE

Wenn das ein Mannsbild ist!

 

TAUBERT

                               Epiphania
Aphrodisiaca!

 

EFFIE

                         Nun, süßer Schatz?

 

TAUBERT

Sonst nahmst du auch wohl meinem Rat an, wenn
Du dich verfangen hattest. Sind wir denn
Nicht Spießgesellen? Handel treiben wir
Mit Gütern, die all denen unverkäuflich,
Die täglich sie wie’s liebe Brot verbrauchen.
Du mit dem Fleisch, ich mit dem Geist. Die Menschheit
Erträgt uns beide mit demselben Ingrimm,
Weil sie uns beide nicht entbehren kann.
Epiphania, wie einst Herakles,
Stehst du am Scheideweg. Für Liebe kauft
Das Weib sein Lebensglück. Wo das nicht zutrifft,
Ist Liebe Gift. Laß den Geliebten laufen
Und geh der wilden Bestie aus dem Weg.

 

EFFIE

Du bist ein Hasenfuß, wie alle, die
Den Priesterrock entrüstet ausgezogen.
Mein Leben ist mir einfach nicht erträglich,
Wenn nicht ein Abenteuer mich erwartet,
Bei dem kein Mensch den Ausgang ahnen kann.

 

TAUBERT

Nur les’ ich grade heut in deinen weiten
Zweischläfrigen Augen nichts von Zuversicht.
Fast siehst du aus, als wär’ ein Heimatkünstler
Dir übern Weg gelaufen.

 

EFFIE [bricht in Tränen aus]

                                          Qual’ mich nicht!
Qual’ mich nicht länger! Ohne Liebe kann ich
Nicht leben.

 

TAUBERT

                                     Eher als durch Mister Tschamper
Würd’ ich’s dann doch noch durch ein Kind versuchen.

 

 

SECHSTER AUFTRITT

 

[Karl Salzmann tritt rasch rechts vorn ein. Schigabet folgt ihm.]

 

SALZMANN [bei Effies Anblick]

Was heißt das? Tränen? Jetzt? Wr hat das fertig
Gebracht? [Zu Taubert] Sie Ochse, Sie! Hinaus mit Ihnen!

 

SCHIGABET [aufgeregt umhergehend, zu Salzmann]

Sie haben mich wie einen Kammerdiener
Links liegen lassen! Einen Kellner hält
Man sich bei festlichen Gelegenheiten
So ängstlich nicht vom Leib. Mein Rang und Titel
Für Sie ist Herzoglich Bernburgischer
Hofopernsänger. Merken Sie sich das!
Als Untergebnen hier mich zu behandeln,
Sind Sie vertraglich gänzlich unberechtigt.

 

SALZMANN [zu Effie]

Heut abend findet große Galatafel
Im Rittersaale drüben statt. Den Weg,
Der von der Söllerhalle übern Hof
Zum Ritterhaus hinüberführt, erleuchten
Pechkränze, die auf Kandelabern lodern.
Es brennen in den Lindenbäumen auf
Der alten Bastion dreihundert Stück
Papierlaternen, und du unterstehst dich
Und zeigst verweinte Augen!

 

EFFIE [munter]

                                                 Einzig und
Allein der Steigerung wegen. Regentropfen,
Durch die die Sonne desto lustiger lacht.

 

SALZMANN

Voraussetzung für mich bei Führung deiner
Geschäfte ist, daß du ein Freudenmädchen.
Bist du ein Jammer- oder Kummermädchen,
Dann such’ dir einen andren Unternehmer!

 

TAUBERT

Epiphania, jetzt erscheint mir meine
Befürchtung fast schon wieder lächerlich.

 

SALZMANN

Befürchtung? Wenn in allen Wassern man
Gewaschen ist, dann hat man nichts zu fürchten!

 

[Zu Taubert und Schigabet]

 

Ihr beiden aber packt euch jetzt hinaus!

 

SCHIGABET

Sie Flegel brauchen jedenfalls auf meine
Empfehlung nicht zu rechnen, wenn nach Ihnen
Die Presse drüben sich bei mir erkundigt.

 

SALZMANN [drängt Schigabet und Taubert zur Tür rechts vorn hinaus]

Um alles in der Welt, emphfehlen Sie
Mich niemandem. Ich muß Sie dringend bitten.
Wir haben alle Hände voll zu tun.
Je mehr Bestellung, desto ungenauer
Die Arbeit.

 

[Ihnen zur Türe hinaus nachrufend]

 

                          Gute Ware — gute Preise.
Das ist mein Wahlspruch!

 

[Er geht quer durchs Gemach, öffnet die Tür im Hinteregrund und ruft]

 

                                     Ist’s gefällig, Herr!

 

[Er läßt Mister Tschamper eintreten und verschwindet im Hinterzimmer.]

 

 

SIEBENTER AUFTRITT

 

[Tschamper, hünenhafte Figur, bartlos, geschorenes graues Haar, tritt, den zylinder abnehmend, ein.]

TSCHAMPER

Sie wissen, Kind, daß ich die Absicht habe
Zu sterben.

 

EFFIE

                        Soll es heute noch geschehn?

 

TSCHAMPER

So rasch als möglich.

 

EFFIE

                                 Gut, dann geh ich gleich,
Mich zu entkleiden.

 

TSCHAMPER

                            Das ist gar nicht nötig.

 

EFFIE

Verzeihung. Dem Vertrag nach wollten Sie
Beim Anblick eines nakten Weibes sterben.

 

TSCHAMPER

Wie konnten Sie das mißverstehn! Die Seele
Sei nackt. Wie lang verkaufen Sie sich schon?

 

EFFIE

Fünf Jahre. Mein Beruf bekommt mir gut.
Wie lang schon kaufen Sie bei uns?

 

TSCHAMPER

                                                        Solang
Das Weltall steht, bin ich Ihr treuster Kunde.

 

EFFIE

So alt schon und so unternehmend noch.
Nach Beifall haschend wie ein Korpsstudent.
Wie freu’ ich mich, daß wir uns kennen lernen.

 

TSCHAMPER

Mein ist die Freude, spricht der Herr. Sonst zahlt’ ich
Doch solche Summen nicht für mein Vergnügen.

 

EFFIE

Voreilig war’s. Sie ahnten nicht, was mir
Gefällt. Ist Ihr Verlust, wenn ich Sie liebe?

 

TSCHAMPER

Sie machen Ihr Geschäft mit mir. An diesem
Verhältnis mocht’ ich nicht gerüttelt wissen.

 

EFFIE

Der Mann ist immer das Geschäft der Frau.
Auch in den schönsten Ehen steht’s nicht besser.

 

TSCHAMPER

Doch ein Vertrag, wie ihn Karl Salzmann schließt,
Wird in der Ehe meistens nicht geschlossen.

 

EFFIE

Und trotzdem schüttelt ihre Fesseln man
So leicht nicht ab.

 

TSCHAMPER

                        Mit solchem Aberglauben
Betäuben sich die Toren, die mit Wollust
Der Ehe Fesseln durch ihr Dasein schleppen.

 

EFFIE

Sie glauben, daß es solche Narren gibt?

 

TSCHAMPER

So sind die meisten; ahnen nichts davon,
Daß jeder in der Ehe seine Freiheit
Behält und täglich tun und lassen kann,
Was ihm beliebt.

 

EFFIE

                Das klingt berauschend schön.
In Wirklichkeit fragt jeder, ob die Ehe
Vom Himmel oder aus der Hölle stammt.

 

TSCHAMPER

Weil wir den heftigen Widerstreit von Himmel
Und Hölle zur Verdauung nötig haben.

 

EFFIE

Läßt dazu sich nicht auch der Packt verwenden,
Den Salzmann zwischen uns geschlossen hat?

 

TSCHAMPER

Unmöglich! Den Vergleich mit Salzmann hält
Kein Teufel aus.

 

EFFIE

                               An Sie bin ich dann fester
Geschmiedet, als die Heirat Menschen fesselt?

 

TSCHAMPER

Das will ich hoffen. Mit dem Preis, den ich
Für Sie bezahle, lassen sich Zweidrittel
Der Ehen in der ganzen Welt zerreißen.

 

EFFIE

Dann schalten Sie nach Herzenslust mit mir.

 

TSCHAMPER

Das wird nicht zu umgehen sein. Ich suche
Den Tod.

 

EFFIE

            Gern biet’ ich meine Kunst auf, Ihnen
Den Abschied zu erleichtern.

 

TSCHAMPER

                                    Wie Sie wissen,
Sind Sie dafür bezahlt.

 

EFFIE

                               Kontraktbruch hat
Kein Mann an mir erlebt. Dazu bin ich
Zu stolz auf den Beruf, den ich mir wählte.

 

TSCHAMPER [am Tisch Plaz nehmend]

Ich rechne freilich mit dem günstigen Fall,
Daß ohne Hilfe plötzlich auch mein Selbstmord
Gelingt, und führe deshalb stets ein Gläschen
Blausäure mit. Wenn Sie erlauben, gieß’ ich
Ein winziges Tröpfchen hier in den Pokal.

 

[Er gießt aus einem Fläschchen einige Tropfen in den goldenen Becher, der auf dem Tische steht.]

 

EFFIE

Und Sie verwehren mir, mich zu entkleiden?
Das ist nicht ritterlich. Ein Freudenmädchen,
In seiner Eitelkeit verletzt, ist hilflos,
Ist dumm und plump und blöde wie ein Kind.

 

TSCHAMPER

So hilflos brauch’ ich Sie.

 

EFFIE

                                            Erlauben Sie,
        Daß ich den Trank ein wenig nur verdünne.

 

[Sie gießt den Pokal voll Wasser und schleudert den Inhalt zum Fenster hinaus.]

 

TSCHAMPER

Sie lebten auch vermählt?

 

EFFIE

                           Zwei Jahr ertrug ich’s.
Der Ausgleich der Gefühle wollte nicht
Zustande kommen.

 

TSCHAMPER [ihr den Pokal abnehmend]

                              Woher haben Sie
Den Becher?

 

EFFIE

                    Mein Geliebter schenkt’ ihn mir.

 

TSCHAMPER [gießt eine Tropfen Blausäure in den Becher und füllt Wasser nach]

Das nötige Wasser gieß’ ich selber zu.

 

[Er behält den Pokal in der Hand.]

 

EFFIE [mit raschem Entschluß]

Dann zeig’ ich mich.

 

TSCHAMPER

                                Ich untersag’ es Ihnen.
Durch Seelenqual gespannte Nerven bieten
Mir Stärkung. Prahlen Sie nicht noch mit sich!

 

EFFIE

Sie werden den ersehnten Abscheu vor
Der Welt durch solche Strenge nie erhaschen.

 

TSCHAMPER

Das Fleisch hat seinen eignen Geist. Sobald
Die Nerven eines Lebewesens so
Gespannt sind, daß ich Mensch mich fühle, leere
Den Becher ich. Dann ist die Welt mich los.

 

EFFIE [nähert sich ihm vorsichtig, ihm freundlich streichelnd]

Und dennoch, wett’ ich, kennst du kaum noch die
Zehnstufenleiter.

 

TSCHAMPER

                                  Ist das ein Patent?

 

EFFIE

Ich nenn’ sie dir.

 

TSCHAMPER

                           Wie heißt die tiefste Stufe?

 

EFFIE

Erstens im Dunkeln, zweitens im Lampenschein —
Sklavische Brut in verängstigter Pein!

 

TSCHAMPER

Dazu gehört’ ich nie. — Die höchste Stufe!

 

EFFIE

Neutens im Wettkampf, zehntens als Opferfest —
Daß unsre Gottheit uns nich mehr verläßt!

 

TSCHAMPER

Im Wettkampf! Herrlich! Ganz mein Fall! Nun aber
Statt des Gedichtes Wirklichkeit! Erzähl’ mir
Das traurigste Ereignis deines Lebens!

 

EFFIE

Das kann ich nicht! Unmöglich! So schon zittr’ ich
An allen Gliedern.

 

TSCHAMPER [erhebt sich, den Becher in der Hand, und drückt auf den elektrischen Knopf neben der Mitteltür]

                            Mich um hunderttausend
Dollars beschummeln, ist kein Kinderspiel!

 

EFFIE

Nie hab’ ich den Beruf, Entsetzen zu
Vermitteln, mir erwählt. Der Freude dien’ ich!

 

TSCHAMPER

So täuscht man sich.

 

[Zu Salzmann, der aus dem Hinterzimmer eintritt]

 

                          Eröffnen Sie Konkurs!
Das Wesen will das traurigste Ereignis
Aus seinem Leben nicht erzählen.

 

SALZMANN [tritt dicht neben Effie, mit durchdringendem Blick]

                                                                                   Soll ich
Mit Schimpf und Schande morgen deinem Liebsten
Aus seiner Monarchie die Türe weisen?

 

[Im Abgehen zu Tschamper]

 

Was sich erzählen läßt, erzählt sie Ihnen.

 

[Ins Hinterzimmer ab.]

 

EFFIE [zitternd zu Tschamper]

Welche Geschichte denn?

 

TSCHAMPER [setzt sich wieder an den Tisch]

                                      Die traurigste
Aus deinem Leben.

 

EFFIE

                                   Als zum erstenmal
Die Eh’ ich brach, das war das Traurigste.

 

TSCHAMPER

Unglaublich! Wie ergab sich das? Erzähl!

 

EFFIE [nähert sich Tschamper zutraulich]

Tätst du nicht wirklich besser dran, du nütztest
Die günstige Gelegenheit, aus einem
Unseligen Ungetüm der frohste Gast
Beim Freudenmahl der großen Welt zu werden?

 

TSCHAMPER

Wo ist die günstige Gelegenheit?

 

EFFIE

Such’ nicht erst weit!
Unnatur ist ein Labyrinth,
Aus dem schon tausend entronnen sind.
Lachen muß man und tanzen dabei.
Zu allem Mißglücken gehören Zwei.
Ungebärdigste Sonderlinge,
Von Autoritäten verrückt erklärt,
Has du je von einem gehört
Daß ich ihn nicht zur Besinnung bringe?
Vorher litt er nur
Trostlose Liebesqual,
Lacht nachher so manches Mal
Seiner Unnatur.
Harmlos jedem Genuß ergeben,
Kämpft er tapfer im stürmischen Leben.

 

TSCHAMPER

Erzähl’ mir denen ersten Ehebruch!

 

EFFIE [beginnt zu zittern]

Langeweile war unser Fluch.
Mehr Glück hat nie
Ein Mädchen gekannt.
Er von der Reiterakademie
Der schönste Leutenant!
Und seit dem ersten Kuß
Beide bedacht,
Daß ihn der andere mit aller Macht
Lieben muß.
Aber so mächtig auch unsre Begier,
Die Langeweile schwoll
Grauenvoll.
Da riet er mir,
Unsere Eintracht nicht zu gefährden,
Soll ich untreu werden.
Ich, wie besessen,
Um Gesprächstoff zu schaffen,
Schleudre sein Geld hinaus.
Nichts macht er sich draus,
Kann seinen Traum nicht vergessen,
Läßt nicht ab, mir nah’ zu legen,
Mit einem hergelaufenen Laffen
Soll ich der Unterhaltung wegen
Hinterrücks ihn betrügen.

 

TSCHAMPER [setzt den Pokal wieder auf den Tisch]

War denn das kein vergnügen?

 

EFFIE

Was in ein Jahr
In mir mächtig war,
In einer Nacht
Verkracht!
Öde Wildnis, ödes Herz!
Von Überwindung
Keine Empfindung.
Allerwärts,
Weit und breit
Plumpe Selbstverständlichkeit.
Verödet dacht’ ich zurück:
Du mußtest dein Glück
Zur Belebung erschlaffter Nerven
Von dir werfen.

 

TSCHAMPER

Das hast du hundert Männer schon erzählt.

 

EFFIE

Wenn ich nicht lustiger zu erzählen wüßte!

 

TSCHAMPER

Der Mann war drauf bedacht, dich los zu werden.

 

EFFIE

Genau nach dem Gegenteil stand sein Sinn.
Seinen Genuß zu erhöhn,
Warf er mich andern hin
Nach jeder Untreue
Fand er mich doppelt schön,
Und nicht eine Spur von Reue.
Bis ich schließlich jeden nahm,
Der mir unter die Hände kam,
Stets umgeben von Trabanten,
Daß der leib nicht mit verdirbt,
Wenn die Seele Hunger stirbt.
Der Liebe letzter Rest
Entfloh.
Ihn ertrug ich so
Wie einen unglückseligen Anverwandten,
Den man nicht umkommen läßt.
Warf sein Geld in alle Winde,
Hoffte immer noch,
Endlich haßt er dich doch
Und flieht dich wie die Sünde.
Aber die Klette
Wartet, bis uns Entbehrung droht
Und schießt sich tot
Aus Furcht vor Armut in meinem Bette.

 

TSCHAMPER

Das hat dich nicht drei Tage lang erregt.
Wie soll ich mich zum Selbstmord daran stärken?
Herztöne will ich! Leben deine Eltern?

 

EFFIE

           Nur meine Mutter lebt.

 

TSCHAMPER

                               Wie starb dein Vater?

 

EFFIE [vor Schreck auffahrend]

Nein, davon red’ ich nicht!

 

TSCHAMPER

                    Wie starb dein Vater?
Erzähl’ mir deines Vaters Tod!

 

EFFIE

Ich kann nicht!

 

TSCHAMPER

Erzähl!

 

EFFIE [fällt ihm um den Hals]

Komm mit mir! Bleiben wir nicht hier.
Du fragst nachher nach meines Vaters tod
So wenig wie nach meines Gatten Selbstmord.

 

TSCHAMPER

Wer zahlt? Ich oder du?

 

EFFIE

                               Du! Du bezahlst!

 

TSCHAMPER

Ich? Dann erzähl’ mir deines Vaters Tod!

 

EFFIE [in steigender Erregung]

Am Silvestermorgen, es hatte geschneit,
Oberstabsarzt Korff, Major von Falkenstein
Treten bei uns vom Garten ein.
Ich, noch in kurzem Kleid,
Ihnen entgegen: den Vater, ei schau,
Haben die Herren, vergnügt wie immer,
Verloren, so aus Versehn.
Sie winken mir stumm, beiseite zu gehn.
Da tritt Mutter aus dem Frühstückszimmer.
Major von Falkenstein, dumpf und knapp:
Halten Sie, gnädige Frau,
All Ihre Fassung bereit,
Wer Gott vertraut . . .
Da rollen ihm Tränen herab.
Mutter schreit:
Er lebt doch! Lebt!
Der Major erbebt.
Kein Laut!

 

TSCHAMPER

Bei Deinesgleichen hatte deinen Vater
        Der Schlag getroffen?

 

EFFIE [aufschreiend]

                      Nein! Er fiel im Zweikampf!

 

TSCHAMPER

Wie echt und voll in diesem ältsten Erdteil
Gefühle noch gedeihn. Amerika,
Das ganze britische Weltreich bringt soviel
Gefühl nicht auf. — Noch einmal muß den Anblick
Ich mir verschaffen. Was ist deine frühste
Erinnerung an deine Eltern? — Rasch!

 

EFFIE

Auf der grünen Bank vor dem Orleander
Sitzen Vater und Mutter nebeneinander.
Wie ich auf ihren Knien stehe,
Sie auf einmal sich küssen sehe,
Schling’ ich meine Arme um beide,
Weil mir ihr Küssen die hellste Freude.
Rief, daß wir immer so bleiben mußten,
Nur, damit sie sich weiter kußten.

 

TSCHAMPER

Errinerst du dich deiner Eltern noch,
Wie sie sich schalten, schlugen, sich verfluchten?

 

EFFIE

Das ist nicht wahr! Das hab’ ich nie erlebt!
Ich kann mich — kann mich nicht beherrschen. Kindheit,
Mein Elternhaus! Wenn ihr nicht wart, dann ist
Das Leben Wirrnis, Irrsinn, Greul, Entsetzen!

 

[Sie wird von Weinkrämpfen ergriffen und geschüttelt]

 

TSCHAMPER

Weg mit dem Taschentuch! Steh auf! Sind das
Gespannte Nerven?

 

[Er wirft die umherstehenden Sessel um und stößt sie mit den Füßen gegen die Wände]

 

TSCHAMPER

                                 Hör’ auf denen Vater!
Gib Antwort deinem Vater. Steh ihm Rede!
Sag’ deinem Vater, was du tatst, seit her
Tot lag im Sarg an dem Silvestermorgen.

 

EFFIE

Laß meinen Vater aus dem Spiel. Mein Vater
          Ist tot.

 

[Fällt Tschamper um den Hals und küßt ihm mit wilder glut]

 

                  Warst du schon so und so geküßt?
        Und so geküßt? Und so?

 

TSCHAMPER

                                          Für einen Dollar!
Verdien’ die Hunderttausend, die ich zahle!
Verdien’ sie dir! — Soll ich den Weg dir zeigen?

 

[Er ergreift den Becher und scheint zu trinken.]

 

EFFIE [mit unwillkürlichem Schrei]

Nein! Du mußt leben!

 

TSCHAMPER

                                              Schwächliches Geschöpf!
Kannst einen Mann nicht sterben sehen. Auch du nicht!

 

EFFIE [mit Inbrunst]

Weil ich dich liebe! Fanden Mann und Weib
Sich jemals füreinander so geschaffen
Wie du und ich? Zum erstenmal grinst mich
Das Dasein nicht aus leeren Höhlen an.

 

TSCHAMPER [scheinbar ermüdet]

Und mich beschleicht Erinnerung, als wär’ ich
In diesen Mauern schon einmal gestorben.

 

[Durchs Fenster schauend]

 

Der weite Ausblick auf umgrünte Dörfer,
Die Zackenmauer, die von der Bastei
Zum Wächterturm sich zieht. Die Pflaumenbäume . . .
Mein Tod ist Kinderspiel, sobald sein Inhalt
Den Inhalt meines Lebens überwiegt.

 

EFFIE [sich zärtlich an ihn schmeigend]

Nimm dich, Geliebter, deines Lebens an.
Bis heute hast du nicht gelebt.

 

TSCHAMPER

                                      Auch du nicht.

 

EFFIE

Nie ward ich Dirne, hätte mich ein Bändiger
Wie du gebändigt.

 

TSCHAMPER

                                             Hast du mich gesucht?
Ein Mensch, der Mut hat, sucht sich seinen Bändiger.

 

EFFIE [entwindet sich ihm; mit flammendem Ausdruck]

Dir fehlt das Weib, das alles für dich opfert.
Mir fehlt der Mann, dem ich mich opfern darf.

 

TSCHAMPER

Und du, mein Kind, glaubst dieses Weib zu sein?

 

EFFIE

Bei meinem Stolz, wenn du noch daran zweifelst,
Dann trink’ ich diesen Trank.

 

TSCHAMPER

                                    Ich zweifle dran.

 

[Effie greift rasch nach dem Becher, trinkt hastig und läßt ihn fallen. Darauf reckt sie lautlos die Arme empor, biegt sich krampfhaft nach rückwärts und sinkt zu Boden. Auf dem Leib liegend, wirft sie sich, Arme und Beine so weit als möglich nach ruckwärts biegend, eine Weile lautlos von einer Seite zur andern, bis sich ihr Korper, auf den rückwärts gebogenen Händen und Füßen ruhend, hoch aufbäumt. Darauf treten Zuckungen ein, die allmählich seltener werden, bis sie regungslos liegen bleibt.]

 

TSCHAMPER [im Sessel]

Ach, ist das schön! Ach is das eine Wonne!
Dank dir, mein Kind. Dank dir. So süß war keine!

 

[Erhebt sich und blickt zum Fenster hinaus.]

 

Und dieser herrliche Fleck Erde! — Ließen
Die Ritter sich von den Turnieren träumen,
Die heut in ihren alten Schlössern toben? —
Wie sonderbar, daß nie sich eine Dirne,
Wie’s doch bei Kindern allgemein sonst üblich,
Über ihr Elternhaus erhaben fühlt! —
Wie dir ergeht’s noch vielen.

 

[Er öffnet die Tür zum Hinterzimmer.]

 

                                                  Meinen Wagen!

 

 

ACHTER AUFTRITT

 

SALZMANN [eintretend]

’s ist Ihnen, scheint mir, wieder nicht geglückt.

 

TSCHAMPER

Ich hoffte schon, am Ziel zu sein, da trank sie
Das Gift mir vor der Nase weg.

 

SALZMANN

                                              Zu dumm!
Die Wagen stehn am mittleren Tor bereit.

 

TSCHAMPER

Wir plauderten in harmlosem Gespräch
Über ihr Elternhaus. Wie kommt es nur,
Das keine Dirne das verträgt. Ich und
Die Welt, wir passen nicht genau zusammen.
Die Welt muß anders werden.

 

SALZMANN

                                        Selbstverständlich.
Sie ändert sich, so rasch sie kann. Was aber
Ersetzt mir den Verlust?

 

TSCHAMPER

                              Sie kommen einfach
Als mein Kommissionär nach Atakama.

 

SALZMANN

Ich bein Familienvater. Abenteuer
Sind nicht mein Fall.

 

TSCHAMPER

                              Ein Fixum zahl’ ich Ihnen
Von fünfzigtausend Dollars, hunderttausend
Als jährliches Erträgnis garantiert.

 

SALZMANN

Darüber läßt sich reden.

 

[Die kleine Spitzbogentür links vorn öffnend]

 

                                         Steigen wir
Im Turm hinunter. Eine Felsenspalte
Führt als geheimer Gang zum mittleren Tor.

 

TSCHAMPER [nimmt den Pokal vom Boden auf]

Das nehm’ ich als Erinnerungszeichen mit.

 

[Links vorn ab. Salzmann folgt ihm.]

HEIRI WIPF [singt, unsichtbar, draußen vor dem Fenster]

Wie waren die Zwetschen so blau!

 

 

FINIS